Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 - 13

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ads place
darüber hinausgeht, welches allen angehört und ohne welches sie selbst
weder tun noch wirken könnten: Idee und Liebe.


Wer weiß etwas von Elektrizität, sagte ein heiterer Naturforscher,
als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder Blitz und Donner
neben ihm niederleuchten und rasseln? Wie viel und wie wenig weiß er
alsdann davon?


Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten
Wünschelrute bedienen; wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem
verborgen.


In den großen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er
auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfältig bewiesen hatte, daß
die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet
hätten, was nur in diesen Räumen zu finden gewesen von Materie, sagte
jener scherzhaft, nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch
unsichtbare Welten geben? Und hat er nicht vollkommen wahr
gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt
unsichtbar, außer den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und
Rechnung glauben müssen?


Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.


Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens
dergestalt obruiert, daß sie das Eine Urbedingende nicht gewahren
können.


"Wenn Reisende ein sehr großes Ergetzen auf ihren Bergklettereien
empfinden, so ist für mich etwas Barbarisches, ja Gottloses in dieser
Leidenschaft; Berge geben uns wohl den Begriff von Naturgewalt, nicht
aber von Wohltätigkeit der Vorsehung. Zu welchem Gebrauch sind sie
wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort zu wohnen, so wird im Winter
eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch sein Haus begraben oder
fortschieben; seine Herden schwemmt der Gießbach weg, seine
Kornscheuern die Windstürme. Macht er sich auf den Weg, so ist jeder
Aufstieg die Qual des Sisyphus, jeder Niederstieg der Sturz Vulkans;
sein Pfad ist täglich von Steinen verschüttet, der Gießbach unwegsam
für Schiffahrt; finden auch seine Zwergherden notdürftige Nahrung
oder sammelt er sie ihnen kärglich, entweder die Elemente entreißen
sie ihm oder wilde Bestien. Er führt ein einsam kümmerlich
Pflanzenleben, wie das Moos auf einem Grabstein, ohne Bequemlichkeit
und ohne Gesellschaft. Und diese Zickzackkämme, diese widerwärtigen
Felsenwände, diese ungestalteten Granitpyramiden, welche die
schönsten Weltbreiten mit den Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie
sollte sich ein wohlwollender Mann daran gefallen und ein
Menschenfreund sie preisen!"


Auf diese heitere Paradoxie eines würdigen Mannes wäre zu sagen, daß,
wenn es Gott und der Natur gefallen hätte, den Urgebirgsknoten von
Nubien durchaus nach Westen bis an das große Meer zu entwickeln und
fortzusetzen, ferner die Gebirgsreihe einigemal von Norden nach Süden
zu durchschneiden, sodann Täler entstanden sein würden, worin gar
mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius eine
Felsenburg würde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen leicht mit
den Sternen rivalisierend sich hätten vermehren können.


Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und das
Beste, was man von ihnen lernt, ist, nicht mitzuteilen.


Was ich recht weiß, weiß ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes
Wort fördert selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und
Stillstehen.


Die Kristallographie als Wissenschaft betrachtet gibt zu ganz
eigenen Ansichten Anlaß. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie
selbst und hat keine Folgen, besonders nunmehr, da man so manche
isomorphische Körper angetroffen hat, die sich ihrem Gehalte nach ganz
verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist, so
hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet. Sie gibt
dem Geist eine gewisse beschränkte Befriedigung und ist in ihren
Einzelheiten so mannigfaltig, daß man sie unerschöpflich nennen kann,
deswegen sie auch vorzügliche Menschen so entschieden und lange an
sich festhält.


Etwas Mönchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und ist
daher sich selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie
nicht; denn die köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die
kristallinischen Edelsteine, müssen erst zugeschliffen werden, ehe wir
unsere Frauen damit schmücken können.


Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche von
der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluß
aufs Leben sich erweist.


Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher wir,
wenn wir etwas werden sehen, denken, daß es schon dagewesen sei.
Deshalb das System der Einschachtelung kommt uns begreiflich vor.


Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man
betrachte die Werke der Baukunst, man sieht manches sich regel--und
unregelmäßig anhäufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und
bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in
organischen Fällen anzuwenden.


Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des
Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß, der ist als
Naturforscher in einer üblen Lage.


Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die
Stelle der Idee setzen.


Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das
Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet.
Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt.


Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren
Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande wäre.


Der unschätzbare Vorteil, welchen die Ausländer gewinnen, indem sie
unsere Literatur erst jetzt gründlich studieren, ist der, daß sie
über die Entwickelungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe
während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mußten, auf einmal
weggehoben werden und, wenn das Glück gut ist, ganz eigentlich daran
sich auf das wünschenswerteste ausbilden.


Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind, ist
Wieland neckend.


Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es
kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach
Würden behandle.


"Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher Leute,
die sich aus den äußern Dingen ich weiß nicht was machen."


Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst
nimmt, wo man von einer florentinischen, römischen und venezianischen
Schule spricht, wird sich künftighin nicht mehr auf das deutsche
Theater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man sich vor
dreißig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo unter
beschränkteren Umständen sich eine natur--und kunstgemäße Ausbildung
noch denken ließ; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst
das Wort Schule nur von den Anfängen; denn sobald sie treffliche
Männer hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenz
beweist seinen Einfluß über Frankreich und Spanien; Niederländer und
Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in
Geist und Sinn, anstatt daß die Südländer von ihnen eine glücklichere
Technik und die genaueste Ausführung von Norden her gewinnen.


Das deutsche Theater befindet sich in der Schlußepoche, wo eine
allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, daß sie keinem
einzelnen Orte mehr angehören, von keinem besondern Punkte mehr
ausgehen kann.


Der Grund aller theatralischen Kunst, wie einer jeder andern, ist
das Wahre, das Naturgemäße. Je bedeutender dieses ist, auf je
höherem Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines
desto höhern Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben. Hiebei
gereicht es Deutschland zu einem großen Gewinn, daß der Vortrag
trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch außerhalb des
Theaters sich verbreitet hat.


Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim
Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist, so bleibt
offenbar, daß Vorlesungen die Schule des Wahren und Natürlichen
bleiben müssen, wenn Männer, die ein solches Geschäft übernehmen, von
dem Wert, von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind.


Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glänzenden
Eingang gewährt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht hier gerade
das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der
deutschen Ausbildung schädlich werden müsse!


Eigentümlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst.
Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentümlichen
der Menschheit abweichende besondere Eigenheit, die uns zwar
anfänglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's uns gefallen
ließen, wenn wir uns derselben hingäben, unsere eigene
charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermochte.


Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns
gebracht, wie diese zwei großen Lichter des poetischen Himmels für
uns zu Irrlichtern geworden, mögen die Literatoren der Folgezeit
historisch bemerken.


Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich
nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel
Konventionelles, daß einem redlichen Beobachter schwer wird, das
große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen.
Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei
demselben immer guten Willen voraus, daß es geneigt sei, auch das
Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhythmus zu
ergetzen und aus dem, was ihm eigentlich gemäß ist, eine Zeitlang
herauszugeben.


Yorik-Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn
liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist
unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.


"Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen."


Das Gesicht ist der edelste Sinn, die andern vier belehren uns nur
durch die Organe des Takts, wir hören, wir fühlen, riechen und
betasten alles durch Berührung; das Gesicht aber steht unendlich
höher, verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten
des Geistes.


Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden Eifersucht
und Haß wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten
wir andere an unsere Stelle, so würde Stolz und Einbildung gar sehr
abnehmen.


Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea; die eine
war anmutiger, die andere fruchtbarer.


Nichts im Leben außer Gesundheit und Tugend ist schätzenswerter als
Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so
wohlfeil zu erhandeln; die ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe
Zeit, die wir nicht retten, ohne sie auszugeben.


Könnte man Zeit wie bares Geld beiseitelegen, ohne sie zu benutzen,
so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang der halben
Welt; aber keine völlige, denn es wäre ein Haushalt, wo man von dem
Hauptstamm lebte, ohne sich um die Interessen zu bemühen.


Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte.


Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schule kommt mir
keine so vollkommen lächerlich vor als der Streit über die Echtheit
alter Schriften, alter Werke. Ist es denn der Autor oder die Schrift,
die wir bewundern oder tadeln? es ist immer nur der Autor, den wir
vor uns haben; was kümmern uns die Namen, wenn wir ein Geisteswerk
auslegen?


Wer will behaupten, daß wir Virgil oder Homer vor uns haben, indem
wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die
Schreiber haben wir vor uns, und was haben wir weiter nötig? Und ich
denke fürwahr, die Gelehrten, die in dieser unwesentlichen Sache so
genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein sehr schönes
Frauenzimmer, das mich einmal mit möglichst süßem Lächeln befragte:
wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei?


Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine
halbe Stunde für gering halten.


Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn sie
sind von der Art, daß Heuchelei sie nicht nachahmen kann; auch haben
sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe
auszudrücken.


Unter allem Diebsgesindel sind die Narren die Schlimmsten: sie
rauben euch beides, Zeit und Stimmung.


Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu schätzen,
regiert unser Betragen.


Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und deren
genauer Unterschied selten verstanden wird; man gebraucht oft eins
für das andere.


Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt.
Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst mit Humor.
Hierin find' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie: es gibt uns
wohl einen Begriff von dem Unterschied beider, aber keinen von dem
Eigentümlichen einer jeden.


Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen
nennen, das abgezogene Wissen; Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur
Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus,
deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so
wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem.


Vielleicht wird man mir einwenden: Man hält die Poesie für Kunst,
und doch ist sie nicht mechanisch; aber ich leugne, daß sie eine
Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Künste und Wissenschaften
erreicht man durch Denken, Poesie nicht, denn diese ist Eingebung;
sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst regte. Man sollte
sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern Genius.


Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder
zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe, was
wir ihm schuldig sind, und einsähe, was wir ihm schuldig werden
können.


In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame verdunkelt
und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand, deswegen man
wohltut, von Zeit zu Zeit wieder zurückzublicken. Was an uns Original
ist, wird am besten erhalten und belobt, wenn wir unsre Altvordern
nicht aus den Augen verlieren.


Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort
die Basis der höhern Bildung bleiben.


Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur
Kuriositäten; es ist sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt
zu machen; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns
wenig fruchten.


Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an seinen
Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich
aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum größten Vorteil
gereichte, daß die Außenwelt von ihr so spät Notiz nahm.


Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, so
finden wir, daß nichts um der Fremden willen geschehen ist.


Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, das
verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas
vor ihm zu erscheinen.


Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der
Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser Warnung
nachzudenken.


Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, daß sie dasjenige erklären
wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen man sich beruhigen müßte.



Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterließe man das
Forschen allzu früh.


Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der
wird übel dran sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen
Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man
sich selbst.


Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf;
wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen, das Besondere
müssen wir uns zueignen.


Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.


Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen,
darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht
unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken, daß er
Lebensgenosse Warburtons gewesen.


Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr, frech zu werden,
wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt.



Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm
heraus; durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom
Falschen, hielt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere
rücksichtslos.


Er fühlte einen entschiedenen Haß gegen Ernst, weil er didaktisch
und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen er den
entschiedensten Abscheu hegte. Daher seine Abneigung gegen
Terminologie.


Bei den vielfachsten Studien und Lektüre entdeckte er überall das
Unzulängliche und Lächerliche.


Shandeism nennt er die Unmöglichkeit über einen ernsten Gegenstand
zwei Minuten zu denken.


Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und
Gleichgültigkeit, von Leid und Freude soll in dem irländischen
Charakter liegen.


Sagazität und Penetration sind bei ihm grenzenlos.


Seine Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese
Eigenschaften am meisten geprüft werden, finden nicht leicht
ihresgleichen.


So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergetzt,
ebensosehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert, daß wir von
allem dem, wenigstens von dem meisten, was uns entzückt, nichts in
uns aufnehmen dürfen.


Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich und sinnig
benimmt, würde vielen andern zum Verderben gereichen.


Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert.
"Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er
irgendwo.


Er scherzt gar anmutig über die Widersprüche, die seinen Zustand
zweideutig machen.


"Ich kann das Predigen nicht vertragen, ich glaube, ich habe in
meiner Jugend mich daran übergessen."


Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und Erwecker.


"Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur
Philisterei."


"Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages."


"Pereant, qui, ante nos, nostra dixerunt!" So wunderlich könnte nur
derjenige sprechen, der sich einbildete, ein Autochthon zu sein. Wer
sich's zur Ehre hält, von vernünftigen Vorfahren abzustammen, wird
ihnen doch wenigstens ebensoviel Menschensinn zugestehn als sich
selbst.


Die originalsten Autoren der neusten Zeit sind es nicht deswegen,
weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein weil sie fähig
sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vorher niemals wären
gesagt gewesen.


Daher ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn man einen
empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiß, daß
niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, gefunden hätte.


Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor wie
die Blüten aus den grünen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht man Rosen
überall blühen.


Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten
auch die Gedanken hervor, und nachdem sie sind, sind auch die
Gedanken.


"Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man
könnte sagen: hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen
wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin; ja der Spiegel kehrt
unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein
Bild sein für alle Betrachtungen über uns selbst."


Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer, und
doch geschieht es, daß, wenn wir zufällig an einem vorbeigehen, wir
das Gefühl, das es mitteilt, so angenehm finden, daß wir ihm wohl
nachhängen mögen. Dies möchte mit jeder Versuchung analog sein.


"Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten läßt."


Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnet freilich
nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das Analoge
und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.
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  • Büleklär
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