Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 - 8

Süzlärneñ gomumi sanı 4402
Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1502
44.6 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
58.4 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
64.9 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es emporgehoben und konnte
mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich und
zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und
bald folgen, ich fühl es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein
Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen meines
Wiederauferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen Freude
gegeben."
Von der Zeit an war ihr ganzes Gemüt mit den heitersten Aussichten
beschäftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre
Aufmerksamkeit mehr, sie genoß nur wenige Speisen, und ihr Geist
machte sich nach und nach von den Banden des Körpers los. Auch fand
man sie zuletzt unvermutet erblaßt und ohne Empfindung, sie öffnete
die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.
Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und
das ehrwürdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoß, verwandelte sich
nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, daß man sie sogleich für
selig, ja für heilig halten müsse.
Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drängten sich viele Menschen
mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte
wenigstens ihr Kleid berühren. In dieser leidenschaftlichen Erhöhung
fühlten verschiedene Kranke die übel nicht, von denen sie sonst
gequält wurden, sie hielten sich für geheilt, sie bekannten's, sie
priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war genötigt,
den Körper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte Gelegenheit,
seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich; die
Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiösen Gefühlen gestimmt
sind, drangen aus ihren Tälern herbei; die Andacht, die Wunder, die
Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischöflichen
Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst einschränken und nach und
nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur Ausführung gebracht
werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig und gegen jeden
Ungläubigen bereit, in Tätlichkeiten auszubrechen. "Wandelte nicht
auch", riefen sie, "der heilige Borromäus unter unsern Vorfahren?
Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man
nicht durch jenes große Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine
geistige Größe sinnlich vergegenwärtigen wollen? Leben die Seinigen
nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem
gläubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?"
Als der Körper nach einigen Tagen keine Zeichen der Fäulnis von sich
gab und eher weißer und gleichsam durchsichtig ward, erhöhte sich das
Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge
verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht
erklären und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die
ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hörte
wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.
Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die
übrige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in
acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts
aufzumerken pflegte und sein Verhältnis niemanden bekannt war.
Diesmal schien er aber mit großer Genauigkeit gehört zu haben; er
führte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, daß niemals jemand hat
begreifen können, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man
erfuhr nachher, daß er sich mit einer Anzahl Wallfahrer übersetzen
lassen und daß er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm
wahrnahmen, nur um die größte Sorgfalt gebeten, daß das Schiff nicht
umschlagen möchte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine
unglückliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenig Andächtige
knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin saß zu ihren Häupten, er
trat hinzu und grüßte sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin befände.
"Ihr seht es", versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte
den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre
Hand. Erschreckt von der Kälte, ließ er sie sogleich wieder fahren,
er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: "Ich kann jetzt nicht
bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich
will aber zur rechten Zeit schon wieder dasein; sag ihr das, wenn sie
aufwacht."
So ging er hinweg, wir wurden nur spät von diesem Vorgange
benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber
vergebens! Wie er sich durch Berge und Täler durchgearbeitet haben
mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in
Graubünden eine Spur von ihm wieder, allein zu spät, und sie verlor
sich bald. Wir vermuteten, daß er nach Deutschland sei, allein der
Krieg hatte solche schwache Fußtapfen gänzlich verwischt."


VIII. Buch, 10. Kapitel--1


Zehntes Kapitel
Der Abbe hörte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tränen zugehört.
Die Gräfin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf
und verließ mit Natalien das Zimmer. Die übrigen schwiegen, und der
Abbe sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese
soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer
zweifelt wohl einen Augenblick daran, daß Augustin und unser
Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu überlegen, was wir tun,
sowohl um des unglücklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat
wäre, nichts zu übereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben
von dort zurückerwarten, für Nachrichten bringt."
Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: "Eine andere
Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit.
Der Marchese ist unglaublich gerührt über die Gastfreundschaft, die
seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde,
gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umständlich, ja
wiederholt erzählen müssen, und er zeigte seine lebhafteste
Dankbarkeit. "Der junge Mann", sagte er, "hat ausgeschlagen, mit mir
zu reisen, ehe er das Verhältnis kannte, das unter uns besteht. Ich
bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen
Laune er etwa nicht gewiß wäre; ich bin sein Verbundener, wenn Sie
wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zurücklassen
wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu
gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schönern Bande werden,
das uns nur desto fester aneinanderknüpft. über die Verbindlichkeit,
die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nützlich, er
kehre mit mir zurück, mein älterer Bruder wird ihn mit Freuden
empfangen, er verschmähe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht: denn
nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das
Vermögen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns
zurückgefallen, und wir wollen dem Wohltäter unserer Nichte gewiß das
nicht vorenthalten, was er verdient hat.""
Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals
hier so einen schönen Fall, daß uneigennütziges Wohltun die höchsten
und schönsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und
indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie
einem schönen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz
mehr als einmal an sich gezogen hat."
"Ich überlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Führung", sagte
Wilhelm; "es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu
streben. Was ich festzuhalten wünschte, muß ich fahrenlassen, und
eine unverdiente Wohltat drängt sich mir auf."
Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los.
"Ich überlasse Ihnen ganz", sagte er zu dem Abbe, "was Sie über mich
beschließen; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so
bin ich zufrieden, überall hinzugehn und alles, was man für recht hält,
zu unternehmen."
Auf diese Erklärung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle,
sagte er, den Marchese abreisen lassen; Wilhelm solle die Nachricht
des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man überlegt habe, was zu tun
sei, könne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den
Marchese unter einem Vorwand, daß die Einrichtungen des jungen
Freundes zur Reise ihn nicht abhalten müßten, die Merkwürdigkeiten der
Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne
wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die
Geschenke, die er zurückließ und die aus Juwelen, geschnittenen
Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis
gaben.
Wilhelm war nun auch völlig reisefertig, und man war um so mehr
verlegen, daß keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man
befürchtete, dem armen Harfenspieler möchte ein Unglück begegnet sein,
zu ebender Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen bessern
Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum
weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat,
dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und
den niemand kannte. Beide Ankömmlinge schwiegen eine Zeitlang still;
endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und
sagte: "Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?" Es war die Stimme
des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur
übriggeblieben zu sein. Er war in der gewöhnlichen Tracht eines
Reisenden, reinlich und anständig gekleidet, sein Bart war
verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn
eigentlich ganz unkenntlich machte, war, daß an seinem bedeutenden
Gesichte die Züge des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte
ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und
betrug sich sehr vernünftig und wußte nicht, wie bekannt er der
Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. "Sie werden Geduld mit
einem Menschen haben", fuhr er mit großer Gelassenheit fort, "der, so
erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein
unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich
schuldig, daß ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft erscheinen
kann."
Man hieß ihn willkommen, und der Arzt veranlaßte sogleich einen
Spaziergang, um das Gespräch abzubrechen und ins Gleichgültige zu
lenken.
Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklärung: "Die Genesung
dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall geglückt. Wir
hatten ihn lange nach unserer überzeugung moralisch und physisch
behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein
die Todesfurcht war noch immer groß bei ihm, und seinen Bart und sein
langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; übrigens nahm er mehr teil
an den weltlichen Dingen, und seine Gesänge schienen wie seine
Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu nähern. Sie wissen, welch
ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam,
ich fand unsern Mann ganz verändert, er hatte freiwillig seinen Bart
hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form
zuzuschneiden, er verlangte gewöhnliche Kleider und schien auf einmal
ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache
dieser Verwandlung zu ergründen, und wagten doch nicht, uns mit ihm
selbst darüber einzulassen; endlich entdeckten wir zufällig die
sonderbare Bewandtnis. Ein Glas flüssiges Opium fehlte in der
Hausapotheke des Geistlichen, man hielt für nötig, die strengste
Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu
erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat
dieser Mann auf und gestand, daß er es besitze; man fragte ihn, ob er
davon genommen habe. Er sagte nein, fuhr aber fort: "Ich danke diesem
Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hängt von euch ab, mir
dieses Fläschchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in
meinen alten Zustand wieder zurückfallen sehen. Das Gefühl, daß es
wünschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu
sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf
entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und
ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Möglichkeit, sogleich
die großen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die Schmerzen
zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, mich
durch die Nähe des Todes wieder in das Leben zurückgedrängt. Sorgt
nicht", sagte er, "daß ich Gebrauch davon mache, sondern entschließt
euch, als Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die
Unabhängigkeit vom Leben zugesteht, erst vom Leben recht abhängig zu
machen." Nach reiflicher überlegung drangen wir nicht weiter in ihn,
und er führt nun in einem festen, geschliffnen Glasfläschchen dieses
Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich."
Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war,
und man beschloß, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu
lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.

Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese
vollenden. Schien es möglich, Augustinen eine Neigung zu seinem
Vaterlande wieder einzuflößen, so wollte man seinen Verwandten den
Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zuführen.

Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es
im Anfang wunderbar schien, daß Augustin sich freute, als er vernahm,
wie sein alter Freund und Wohltäter sich sogleich wieder entfernen
sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen
Gemütsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix
hatte, nicht überwinden und wünschte den Knaben je eher je lieber
entfernt zu sehen.
Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, daß man sie im
Schloß und in den Seitengebäuden kaum alle unterbringen konnte, um so
mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gäste die
Einrichtung gemacht hatte. Man frühstückte, man speiste zusammen und
hätte sich gern beredet, man lebe in einer vergnüglichen
übereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gemüter sich
gewissermaßen auseinandersehnten. Therese war manchmal mit Lothario,
noch öfter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon
alle Landwirte und Landwirtinnen kennenlernen; es war ihr
Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, daß man mit
Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in einem
ewigen Gefälligkeitswechsel stehen müsse. Von einer Verbindung
zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein, die
beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den
Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt öftere
Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war überall,
wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare
auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie
zusammen sein mußten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik,
um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.
Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin
abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen
weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen
entgegen, und als der Ankommende fragte, was er für Gesellschaft finde,
so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer
ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: "Sie finden den ganzen Adel
der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat
nur noch an einem Grafen gefehlt." So ging man die Treppe hinauf, und
Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. "Mylord!"
sagte der Graf zu ihm auf Französisch, nachdem er ihn einen
Augenblick betrachtet hatte, "ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft
unvermutet zu erneuern; denn ich müßte mich sehr irren, wenn ich Sie
nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben.
"--"Ich hatte das Glück, Euer Exzellenz damals aufzuwarten", versetzte
Wilhelm, "nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, wenn Sie mich für einen
Engländer, und zwar vom ersten Range halten; ich bin ein Deutscher,
und"--"zwar ein sehr braver junger Mann", fiel Jarno sogleich ein.
Der Graf sah Wilhelmen lächelnd an und wollte eben etwas erwidern, als
die übrige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs freundlichste begrüßte.
Man entschuldigte sich, daß man ihm nicht sogleich ein anständiges
Zimmer anweisen könne, und versprach, den nötigen Raum ungesäumt zu
verschaffen.
"Ei ei!" sagte er lächelnd, "ich sehe wohl, daß man dem Zufalle
überlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und
Einrichtung, wie viel ist da nicht möglich! Jetzt bitte ich euch,
rührt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh ich wohl, gibt
es eine große Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das soll
niemand um meinetwillen womöglich auch nur eine Stunde. Sie waren
Zeuge", sagte er zu Jarno, "und auch Sie, Mister", indem er sich zu
Wilhelmen wandte, "wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse
bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und
Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwärtig einquartiert
ist, ich will einen Dislokationsplan machen, daß mit der wenigsten
Bemühung jedermann eine geräumige Wohnung finde und daß noch Platz für
einen Gast bleiben soll, der sich zufälligerweise bei uns einstellen
könnte."
Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle
nötigen Notizen und hatte nach seiner Art den größten Spaß, wenn er
den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald
einen großen Triumph. Die Einrichtung war fertig, er ließ in seiner
Gegenwart die Namen über alle Türen schreiben, und man konnte nicht
leugnen, daß mit wenig Umständen und Veränderungen der Zweck völlig
erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet, daß die
Personen, die in dem gegenwärtigen Augenblick ein Interesse aneinander
nahmen, zusammen wohnten.
Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: "Helfen Sie
mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen
und der ein Deutscher sein soll." Jarno schwieg still, denn er wußte
recht gut, daß der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie
fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort
abzuwarten, in seiner Rede fort: "Sie hatten mir ihn damals
vorgestellt und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine
Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich dafür, daß sein Vater ein
Engländer ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut
alles berechnen, das seit dreißig Jahren in deutschen Adern
herumfließt! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer
solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Fällen nichts
aufbinden." Darauf erzählte er noch verschiedenes, was damals mit
Wilhelmen auf seinem Schloß vorgegangen sein sollte, wozu Jarno
gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen
mit einem jungen Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als einmal
verwechselte. Der gute Herr hatte in frühern Zeiten ein
vortreffliches Gedächtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich
der geringsten Umstände seiner Jugend erinnern zu können; nun
bestimmte er aber mit ebender Gewißheit wunderbare Kombinationen und
Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwäche seines Gedächtnisses
seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. übrigens war er
sehr mild und gefällig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht
günstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, daß man etwas Nützliches
zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die
er, wo nicht mitspielte, doch mit großer Sorgfalt dirigierte, und da
man sich über seine Herablassung verwundene, sagte er: es sei die
Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne,
daß er in gleichgültigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.
Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen bänglichen und
verdrießlichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche
Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten.
Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? Und
mußte nicht die Gesellschaft glauben, daß, weil beide viel miteinander
umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und unglückliche Konfidenz
gemacht habe?
Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als
gewöhnlich, als Augustin auf einmal zur Türe, die er aufriß, mit
gräßlicher Gebärde hereinstürzte; sein Angesicht war blaß, sein Auge
wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die
Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine Rückkehr des
Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest.
Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er:
"Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!"
Sie ließen ihn los, er eilte zur Türe hinaus, und voll Entsetzen
drängte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte,
Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand
das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von
weitem zurief: "was hast du angefangen?"
"Lieber Vater!" rief Felix, "ich habe nicht aus der Flasche, ich habe
aus dem Glase getrunken, ich war so durstig."
Augustin schlug die Hände zusammen, rief: "Er ist verloren!", drängte
sich durch die Umstehenden und eilte davon.
Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine
Karaffine darneben, die über die Hälfte leer war; der Arzt kam, er
erfuhr, was man wußte, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte
Fläschchen, worin sich das flüssige Opium befunden hatte, leer auf dem
Tische liegen; er ließ Essig herbeischaffen und rief alle Mittel
seiner Kunst zu Hülfe.
Natalie ließ den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemühte sich
ängstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen
und einige Aufklärungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der
unglückliche Vater vergebens bemüht und fand, als er zurückkam, auf
allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die
Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die stärkste
Beimischung von Opium; das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr
krank, es bat den Vater, daß man ihm nur nichts mehr einschütten, daß
man es nur nicht mehr quälen möchte. Lothar hatte seine Leute
ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf
die Spur zu kommen. Natalie saß bei dem Kinde, es flüchtete auf ihren
Schoß und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein Stückchen
Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man müsse das
Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen
lassen, sagte er; es sei alles Rätliche geschehen, er wolle das
mögliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien,
herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Hände auf das Kind,
blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung.
Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen
Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur Türe hinaus.
Kurz darauf verließ auch der Graf das Zimmer.


VIII. Buch, 10. Kapitel--2


"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "daß sich
auch nicht die geringste Spur eines gefährlichen Zustandes am Kinde
zeigt. Auch nur mit einem Schluck muß es eine ungeheure Dosis Opium
zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine
weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht
zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, daß man Augustin auf
dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe
neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten.
Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Körper die
Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau
untersucht; der Schnitt war in die Luftröhre gegangen, auf einen
starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch ließ sich bald
bemerken, daß noch Leben, daß noch Hoffnung übrig sei. Der Arzt
brachte den Körper in die rechte Lage, fügte die getrennten Teile
zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos
und sorgenvoll vorüber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien
trennen lassen. Wilhelm saß vor ihr auf einem Schemel; er hatte die
Füße des Knaben auf seinem Schoße, Kopf und Brust lagen auf dem
ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen
Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und
traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie
sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an.
Lothario und Jarno saßen am andern Ende des Zimmers und führten ein
sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten
nicht zu sehr drängten, unsern Lesern hier mitteilen würden. Der
Knabe schlief sanft, erwachte am frühen Morgen ganz heiter, sprang auf
und verlangte ein Butterbrot.
Sobald Augustin sich einigermaßen erholt hatte, suchte man einige
Aufklärung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Mühe und nur
nach und nach: daß, als er bei der unglücklichen Dislokation des
Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript
und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei
ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun überzeugt, daß er nicht
länger leben dürfe; sogleich habe er seine gewöhnliche Zuflucht zum
Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschüttet und habe
doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es
stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu
sehen; bei seiner Zurückkunft habe er das Kind gefunden, eben
beschäftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder vollzugießen.
Man bat den Unglücklichen, ruhig zu sein; er faßte Wilhelmen
krampfhaft bei der Hand. "Ach!" sagte er, "warum habe ich dich nicht
längst verlassen, ich wußte wohl, daß ich den Knaben töten würde und
er mich."--"Der Knabe lebt!" sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam
zugehört hatte, fragte Augustinen, ob alles Getränke vergiftet gewesen.
"Nein!" versetzte er, "nur das Glas."--"So hat durch den
glücklichsten Zufall", rief der Arzt, "das Kind aus der Flasche
getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand geführt, daß es nicht nach
dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!"--"Nein! nein!" rief
Wilhelm mit einem Schrei, indem er die Hände vor die Augen hielt, "wie
fürchterlich ist diese Aussage! Ausdrücklich sagte das Kind, daß es
nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine
Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Händen wegsterben."
Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind
liebkoste: "Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und
nicht aus dem Glase?" Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzählte
Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bemühte
sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde zu erfahren; es weinte nur
heftiger und so lange, bis es einschlief.
Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen
fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit
seiner Wärter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still
aufgelöst und sich verblutet. Natalie ging mit dem Kinde spazieren,
es war munter wie in seinen glücklichsten Tagen. "Du bist doch gut",
sagte Felix zu ihr, "du zankst nicht, du schlägst mich nicht, ich will
dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter Aurelie
schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff;
der Vater sah so bös aus, ich dachte, er würde mich schlagen."
Mit beflügelten Schritten eilte Natalie zu dem Schlosse; Wilhelm kam
ihr, noch voller Sorgen, entgegen. "Glücklicher Vater!" rief sie laut,
indem sie das Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, "da hast du
deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, seine Unart hat ihn
gerettet."
Man erzählte den glücklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit
lächelnder, stiller, bescheidner Gewißheit zuhörte, mit der man den
Sez Alman ädäbiyättän 1 tekst ukıdıgız.
Çirattagı - Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 - 9
  • Büleklär
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    65.5 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
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    Süzlärneñ gomumi sanı 4418
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1496
    47.4 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    61.7 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    68.3 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 - 5
    Süzlärneñ gomumi sanı 4387
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1490
    45.8 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    60.0 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    66.2 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 - 6
    Süzlärneñ gomumi sanı 4342
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1535
    44.1 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    59.3 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    65.8 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 - 7
    Süzlärneñ gomumi sanı 4402
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1572
    43.4 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    58.0 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    62.7 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 - 8
    Süzlärneñ gomumi sanı 4402
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1502
    44.6 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    58.4 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    64.9 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 - 9
    Süzlärneñ gomumi sanı 1882
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 819
    53.4 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    65.2 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    69.9 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.