Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 - 6

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Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
italki
Kopf gesetzt hat. Mußtest du auch gerade an so einen kommen! Es gibt
so viele, die jungen Leuten etwas nachzusehen wissen. Genug, ich sage
dir, es muß anders werden, in ein paar Tagen muß ich Antwort wissen,
denn ich gehe bald wieder weg, und wenn du nicht wieder freundlich und
gefällig bist, so sollst du mich nicht wiedersehen..."
In dieser Art ging der Brief noch lange fort, drehte sich zu Wilhelms
schmerzlicher Zufriedenheit immer um denselben Punkt herum und zeugte
für die Wahrheit der Geschichte, die er von Barbara vernommen hatte.
Ein zweites Blatt bewies deutlich, daß Mariane auch in der Folge nicht
nachgegeben hatte, und Wilhelm vernahm aus diesen und mehreren
Papieren nicht ohne tiefen Schmerz die Geschichte des unglücklichen
Mädchens bis zur Stunde ihres Todes.
Die Alte hatte den rohen Menschen nach und nach zahm gemacht, indem
sie ihm den Tod Marianens meldete und ihm den Glauben ließ, als wenn
Felix sein Sohn sei; er hatte ihr einigemal Geld geschickt, das sie
aber für sich behielt, da sie Aurelien die Sorge für des Kindes
Erziehung aufgeschwatzt hatte. Aber leider dauerte dieser heimliche
Erwerb nicht lange. Norberg hatte durch ein wildes Leben den größten
Teil seines Vermögens verzehrt und wiederholte Liebesgeschichten sein
Herz gegen seinen ersten, eingebildeten Sohn verhärtet.
So wahrscheinlich das alles lautete und so schön es zusammentraf,
traute Wilhelm doch noch nicht, sich der Freude zu überlassen; er
schien sich vor einem Geschenke zu fürchten, das ihm ein böser Genius
darreichte.
"Ihre Zweifelsucht", sagte die Alte, die seine Gemütsstimmung erriet,
"kann nur die Zeit heilen. Sehen Sie das Kind als ein fremdes an, und
geben Sie desto genauer auf ihn acht, bemerken Sie seine Gaben, seine
Natur, seine Fähigkeiten, und wenn Sie nicht nach und nach sich selbst
wiedererkennen, so müssen Sie schlechte Augen haben. Denn das
versichre ich Sie, wenn ich ein Mann wäre, mir sollte niemand ein Kind
unterschieben; aber es ist ein Glück für die Weiber, daß die Männer in
diesen Fällen nicht so scharfsichtig sind."
Nach allem diesen setzte sich Wilhelm mit der Alten auseinander; er
wollte den Felix mit sich nehmen, sie sollte Mignon zu Theresen
bringen und hernach eine kleine Pension, die er ihr versprach, wo sie
wollte, verzehren.
Er ließ Mignon rufen, um sie auf diese Veränderung vorzubereiten.
"Meister!" sagte sie, "behalte mich bei dir, es wird mir wohltun und
weh."
Er stellte ihr vor, daß sie nun herangewachsen sei und daß doch etwas
für ihre weitere Bildung getan werden müsse. "Ich bin gebildet genug",
versetzte sie, "um zu lieben und zu trauern."
Er machte sie auf ihre Gesundheit aufmerksam, daß sie eine anhaltende
Sorgfalt und die Leitung eines geschickten Arztes bedürfe. "Warum
soll man für mich sorgen", sagte sie, "da so viel zu sorgen ist?"
Nachdem er sich viele Mühe gegeben, sie zu überzeugen, daß er sie
jetzt nicht mit sich nehmen könne, daß er sie zu Personen bringen
wolle, wo er sie öfters sehen werde, schien sie von alledem nichts
gehört zu haben. "Du willst mich nicht bei dir?" sagte sie.
"Vielleicht ist es besser, schicke mich zum alten Harfenspieler, der
arme Mann ist so allein."
Wilhelm suchte ihr begreiflich zu machen, daß der Alte gut aufgehoben
sei. "Ich sehne mich jede Stunde nach ihm", versetzte das Kind.
"Ich habe aber nicht bemerkt", sagte Wilhelm, "daß du ihm so geneigt
seist, als er noch mit uns lebte."
"Ich fürchtete mich vor ihm, wenn er wachte; ich konnte nur seine
Augen nicht sehen, aber wenn er schlief, setzte ich mich gern zu ihm,
ich wehrte ihm die Fliegen und konnte mich nicht satt an ihm sehen.
Oh! er hat mir in schrecklichen Augenblicken beigestanden, es weiß
niemand, was ich ihm schuldig bin. Hätt ich nur den Weg gewußt, ich
wäre schon zu ihm gelaufen."
Wilhelm stellte ihr die Umstände weitläufig vor und sagte: sie sei so
ein vernünftiges Kind, sie möchte doch auch diesmal seinen Wünschen
folgen. "Die Vernunft ist grausam", versetzte sie, "das Herz ist
besser. Ich will hingehen, wohin du willst, aber laß mir deinen Felix!"
Nach vielem Hin- und Widerreden war sie immer auf ihrem Sinne
geblieben, und Wilhelm mußte sich zuletzt entschließen, die beiden
Kinder der Alten zu übergeben und sie zusammen an Fräulein Therese zu
schicken. Es ward ihm das um so leichter, als er sich noch immer
fürchtete, den schönen Felix sich als seinen Sohn zuzueignen. Er nahm
ihn auf den Arm und trug ihn herum; das Kind mochte gern vor den
Spiegel gehoben sein, und ohne sich es zu gestehen, trug Wilhelm ihn
gern vor den Spiegel und suchte dort ähnlichkeiten zwischen sich und
dem Kinde auszuspähen. Ward es ihm dann einen Augenblick recht
wahrscheinlich, so drückte er den Knaben an seine Brust, aber auf
einmal, erschreckt durch den Gedanken, daß er sich betriegen könne,
setzte er das Kind nieder und ließ es hinlaufen. "Oh!" rief er aus,
"wenn ich mir dieses unschätzbare Gut zueignen könnte und es würde mir
dann entrissen, so wäre ich der unglücklichste aller Menschen!"
Die Kinder waren weggefahren, und Wilhelm wollte nun seinen förmlichen
Abschied vom Theater nehmen, als er fühlte, daß er schon abgeschieden
sei und nur zu gehen brauchte. Mariane war nicht mehr, seine zwei
Schutzgeister hatten sich entfernt, und seine Gedanken eilten ihnen
nach. Der schöne Knabe schwebte wie eine reizende ungewisse
Erscheinung vor seiner Einbildungskraft, er sah ihn an Theresens Hand
durch Felder und Wälder laufen, in der freien Luft und neben einer
freien und heitern Begleiterin sich bilden; Therese war ihm noch viel
werter geworden, seitdem er das Kind in ihrer Gesellschaft dachte.
Selbst als Zuschauer im Theater erinnerte er sich ihrer mit Lächeln;
beinahe war er in ihrem Falle, die Vorstellungen machten ihm keine
Illusion mehr.
Serlo und Melina waren äußerst höflich gegen ihn, sobald sie merkten,
daß er an seinen vorigen Platz keinen weitern Anspruch machte. Ein
Teil des Publikums wünschte ihn nochmals auftreten zu sehen; es wäre
ihm unmöglich gewesen, und bei der Gesellschaft wünschte es niemand
als allenfalls Frau Melina.
Er nahm nun wirklich Abschied von dieser Freundin, er war gerührt und
sagte: "Wenn doch der Mensch sich nicht vermessen wollte, irgend etwas
für die Zukunft zu versprechen! Das Geringste vermag er nicht zu
halten, geschweige wenn sein Vorsatz von Bedeutung ist. Wie schäme
ich mich, wenn ich denke, was ich Ihnen allen zusammen in jener
unglücklichen Nacht versprach, da wir beraubt, krank, verletzt und
verwundet in eine elende Schenke zusammengedrängt waren. Wie erhöhte
damals das Unglück meinen Mut, und welchen Schatz glaubte ich in
meinem guten Willen zu finden; nun ist aus allem dem nichts, gar
nichts geworden! Ich verlasse Sie als Ihr Schuldner, und mein Glück
ist, daß man mein Versprechen nicht mehr achtete, als es wert war, und
daß niemand mich jemals deshalb gemahnt hat."
"Sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst", versetzte Frau Melina;
"wenn niemand erkennt, was Sie für uns getan hatten, so werde ich es
nicht verkennen: denn unser ganzer Zustand wäre völlig anders, wenn
wir Sie nicht besessen hätten. Geht es doch unsern Vorsätzen wie
unsern Wünschen. Sie sehen sich gar nicht mehr ähnlich, wenn sie
italki
ausgeführt, wenn sie erfüllt sind, und wir glauben nichts getan,
nichts erlangt zu haben."
"Sie werden", versetzte Wilhelm, "durch Ihre freundschaftliche
Auslegung mein Gewissen nicht beruhigen, und ich werde mir immer als
Ihr Schuldner vorkommen."
"Es ist auch wohl möglich, daß Sie es sind", versetzte Madame Melina,
"nur nicht auf die Art, wie Sie es denken. Wir rechnen uns zur
Schande, ein Versprechen nicht zu erfüllen, das wir mit dem Munde
getan haben. Oh, mein Freund, ein guter Mensch verspricht durch seine
Gegenwart nur immer zuviel! Das Vertrauen, das er hervorlockt, die
Neigung, die er einflößt, die Hoffnungen, die er erregt, sind
unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, ohne es zu wissen. Leben
Sie wohl! Wenn unsere äußeren Umstände sich unter Ihrer Leitung recht
glücklich hergestellt haben, so entsteht in meinem Innern durch Ihren
Abschied eine Lücke, die sich so leicht nicht wieder ausfüllen wird."
Wilhelm schrieb vor seiner Abreise aus der Stadt noch einen
weitläufigen Brief an Wernern. Sie hatten zwar einige Briefe
gewechselt, aber weil sie nicht einig werden konnten, hörten sie
zuletzt auf zu schreiben. Nun hatte sich Wilhelm wieder genähert, er
war im Begriff, dasjenige zu tun, was jener so sehr wünschte, er
konnte sagen: "Ich verlasse das Theater und verbinde mich mit Männern,
deren Umgang mich in jedem Sinne zu einer reinen und sichern Tätigkeit
führen muß." Er erkundigte sich nach seinem Vermögen, und es schien
ihm nunmehr sonderbar, daß er so lange sich nicht darum bekümmert
hatte. Er wußte nicht, daß es die Art aller der Menschen sei, denen
an ihrer innern Bildung viel gelegen ist, daß sie die äußeren
Verhältnisse ganz und gar vernachlässigen. Wilhelm hatte sich in
diesem Falle befunden; er schien nunmehr zum erstenmal zu merken, daß
er äußerer Hülfsmittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken. Er reiste
fort mit einem ganz andern Sinn als das erstemal; die Aussichten, die
sich ihm zeigten, waren reizend, und er hoffte auf seinem Wege etwas
Frohes zu erleben.


VII. Buch, 9. Kapitel


Neuntes Kapitel
Als er nach Lotharios Gut zurückkam, fand er eine große Veränderung.
Jarno kam ihm entgegen mit der Nachricht, daß der Oheim gestorben, daß
Lothario hingegangen sei, die hinterlassenen Güter in Besitz zu nehmen.
"Sie kommen eben zur rechten Zeit", sagte er, "um mir und dem Abbe
beizustehn. Lothario hat uns den Handel um wichtige Güter in unserer
Nachbarschaft aufgetragen; es war schon lange vorbereitet, und nun
finden wir Geld und Kredit eben zur rechten Stunde. Das einzige war
dabei bedenklich, daß ein auswärtiges Handelshaus auch schon auf
dieselben Güter Absicht hatte; nun sind wir kurz und gut entschlossen,
mit jenem gemeine Sache zu machen, denn sonst hätten wir uns ohne Not
und Vernunft hinaufgetrieben. Wir haben, so scheint es, mit einem
klugen Manne zu tun. Nun machen wir Kalküls und Anschläge; auch muß
ökonomisch überlegt werden, wie wir die Güter teilen können, so daß
jeder ein schönes Besitztum erhält." Es wurden Wilhelmen die Papiere
vorgelegt, man besah die Felder, Wiesen, Schlösser, und obgleich Jarno
und der Abbe die Sache sehr gut zu verstehen schienen, so wünschte
Wilhelm doch, daß Fräulein Therese von der Gesellschaft sein möchte.
Sie brachten mehrere Tage mit diesen Arbeiten zu, und Wilhelm hatte
kaum Zeit, seine Abenteuer und seine zweifelhafte Vaterschaft den
Freunden zu erzählen, die eine ihm so wichtige Begebenheit
gleichgültig und leichtsinnig behandelten.
Er hatte bemerkt, daß sie manchmal in vertrauten Gesprächen, bei
Tische und auf Spaziergängen, auf einmal innehielten, ihren Worten
eine andere Wendung gaben und dadurch wenigstens anzeigten, daß sie
unter sich manches abzutun hatten, das ihm verborgen sei. Er
erinnerte sich an das, was Lydie gesagt hatte, und glaubte um so mehr
daran, als eine ganze Seite des Schlosses vor ihm immer unzugänglich
gewesen war. Zu gewissen Galerien und besonders zu dem alten Turm,
den er von außen recht gut kannte, hatte er bisher vergebens Weg und
Eingang gesucht.
Eines Abends sagte Jarno zu ihm: "Wir können Sie nun so sicher als den
Unsern ansehen, daß es unbillig wäre, wenn wir Sie nicht tiefer in
unsere Geheimnisse einführten. Es ist gut, daß der Mensch, der erst
in die Welt tritt, viel von sich halte, daß er sich viele Vorzüge zu
erwerben denke, daß er alles möglich zu machen suche; aber wenn seine
Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn
er sich in einer größern Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um
anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen
Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen, denn das
Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Sie sollen bald
erfahren, welch eine kleine Welt sich in Ihrer Nähe befindet und wie
gut Sie in dieser kleinen Welt gekannt sind; morgen früh vor
Sonnenaufgang sein Sie angezogen und bereit."
Jarno kam zur bestimmten Stunde und führte ihn durch bekannte und
unbekannte Zimmer des Schlosses, dann durch einige Galerien, und sie
gelangten endlich vor eine große, alte Türe, die stark mit Eisen
beschlagen war. Jarno pochte, die Türe tat sich ein wenig auf, so daß
eben ein Mensch hineinschlüpfen konnte. Jarno schob Wilhelmen hinein,
ohne ihm zu folgen. Dieser fand sich in einem dunkeln und engen
Behältnisse, es war finster um ihn, und als er einen Schritt vorwärts
gehen wollte, stieß er schon wider. Eine nicht ganz unbekannte Stimme
rief ihm zu: "Tritt herein!", und nun bemerkte er erst, daß die Seiten
des Raums, in dem er sich befand, nur mit Teppichen behangen waren,
durch welche ein schwaches Licht hindurchschimmerte. "Tritt herein!"
rief es nochmals; er hob den Teppich auf und trat hinein.
Der Saal, in dem er sich nunmehr befand, schien ehemals eine Kapelle
gewesen zu sein; anstatt des Altars stand ein großer Tisch auf einigen
Stufen, mit einem grünen Teppich behangen, darüber schien ein
zugezogener Vorhang ein Gemälde zu bedecken; an den Seiten waren schön
gearbeitete Schränke, mit feinen Drahtgittern verschlossen, wie man
sie in Bibliotheken zu sehen pflegt, nur sah er anstatt der Bücher
viele Rollen aufgestellt. Niemand befand sich in dem Saal; die
aufgehende Sonne fiel durch die farbigen Fenster Wilhelmen grade
entgegen und begrüßte ihn freundlich.
"Setze dich!" rief eine Stimme, die von dem Altar her zu tönen schien.
Wilhelm setzte sich auf einen kleinen Armstuhl, der wider den
Verschlag des Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen
Zimmer, er mußte sich darein ergeben, ob ihn schon die Morgensonne
blendete; der Sessel stand fest, er konnte nur die Hand vor die Augen
halten.
Indem eröffnete sich mit einem kleinen Geräusche der Vorhang über dem
Altar und zeigte innerhalb eines Rahmens eine leere, dunkle öffnung.
Es trat ein Mann hervor in gewöhnlicher Kleidung, der ihn begrüßte und
zu ihm sagte: "Sollten Sie mich nicht wiedererkennen? Sollten Sie
unter andern Dingen, die Sie wissen möchten, nicht auch zu erfahren
wünschen, wo die Kunstsammlung Ihres Großvaters sich gegenwärtig
befindet? Erinnern Sie sich des Gemäldes nicht mehr, das Ihnen so
reizend war? Wo mag der kranke Königssohn wohl jetzo schmachten?"
Wilhelm erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht
sich mit ihm im Gasthause unterhalten hatte. "Vielleicht", fuhr
dieser fort, "können wir jetzt über Schicksal und Charakter eher einig
werden."
Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch
zusammenzog. "Sonderbar!" sagte er bei sich selbst, "sollten
zufällige Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir
Schicksal nennen, sollte es bloß Zufall sein? Wo mag sich meines
Großvaters Sammlung befinden? Und warum erinnert man mich in diesen
feierlichen Augenblicken daran?"
Er hatte nicht Zeit, weiterzudenken, denn der Vorhang öffnete sich
wieder, und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich für den
Landgeistlichen erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft
jene Wasserfahrt gemacht hatte; er glich dem Abbe, ob er gleich nicht
dieselbe Person schien. Mit einem heitern Gesichte und einem würdigen
Ausdruck fing der Mann an: "Nicht vor Irrtum zu bewahren ist die
Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn
seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist
Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit
haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn
ganz erschöpft, der muß ihn kennenlernen, wenn er nicht wahnsinnig ist."
Der Vorhang schloß sich abermals, und Wilhelm hatte Zeit
nachzudenken. "Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen?" sagte er
zu sich selbst, "als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat,
daß ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, daß ich mir
einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die
geringste Anlage hatte."
Der Vorhang riß sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte
nur im Vorbeigehen: "Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man
Zutrauen haben kann!" Der Vorhang schloß sich, und Wilhelm brauchte
sich nicht lange zu besinnen, um diesen Offizier für denjenigen zu
erkennen, der ihn in des Grafen Park umarmt hatte und schuld gewesen
war, daß er Jarno für einen Werber hielt. Wie dieser hierhergekommen
und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein Rätsel. "Wenn so viele
Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wußten, was
darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht
ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon
wegzuführen?"
"Rechte nicht mit uns!" rief eine Stimme. "Du bist gerettet und auf
dem Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine
zurückwünschen, kein glücklicheres Schicksal kann einem Menschen
werden." Der Vorhang riß sich voneinander, und in voller Rüstung
stand der alte König von Dänemark in dem Raume. "Ich bin der Geist
deines Vaters", sagte das Bildnis, "und scheide getrost, da meine
Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfüllt sind.
Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene
führen gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl, und gedenke
mein, wenn du genießest, was ich dir vorbereitet habe."
Wilhelm war äußerst betroffen, er glaubte die Stimme seines Vaters zu
hören, und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die
Gegenwart und die Erinnerung in der verworrensten Lage.
Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbe hervortrat und sich
hinter den grünen Tisch stellte. "Treten Sie herbei!" rief er seinem
verwunderten Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan.
Auf dem Teppiche lag eine kleine Rolle. "Hier ist Ihr Lehrbrief",
sagte der Abbe, "beherzigen Sie ihn, er ist von wichtigem Inhalt."
Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und las:

Lehrbrief
Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die
Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem
Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist
der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn,
er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns
angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird
das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht
die Stufen; den Gipfel im Auge, wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur
ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz.
Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz
besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät. Jene haben keine
Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes Brot
schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen,
und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind
gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich
durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die
Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt.
Niemand weiß, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten
sind wir uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant,
ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird
ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre
beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers
Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat.
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln
und nähert sich dem Meister.
"Genug!" rief der Abbe, "das übrige zu seiner Zeit. Jetzt sehen Sie
sich in jenen Schränken um!"
Wilhelm ging hin und las die Aufschriften der Rollen. Er fand mit
Verwunderung Lotharios Lehrjahre, Jarnos Lehrjahre und seine eignen
Lehrjahre daselbst aufgestellt, unter vielen andern, deren Namen ihm
unbekannt waren.
"Darf ich hoffen, in diese Rollen einen Blick zu werfen?"
"Es ist für Sie nunmehr in diesem Zimmer nichts verschlossen."
"Darf ich eine Frage tun?"
"Ohne Bedenken! und Sie können entscheidende Antwort erwarten, wenn es
eine Angelegenheit betrifft, die Ihnen zunächst am Herzen liegt und am
Herzen liegen soll."
"Gut denn! Ihr sonderbaren und weisen Menschen, deren Blick in so
viel Geheimnisse dringt, könnt ihr mir sagen, ob Felix wirklich mein
Sohn sei?"
"Heil Ihnen über diese Frage!" rief der Abbe, indem er vor Freuden die
Hände zusammenschlug, "Felix ist Ihr Sohn! Bei dem Heiligsten, was
unter uns verborgen liegt, schwör ich Ihnen: Felix ist Ihr Sohn! und
der Gesinnung nach war seine abgeschiedne Mutter Ihrer nicht unwert.
Empfangen Sie das liebliche Kind aus unserer Hand, kehren Sie sich um,
und wagen Sie es, glücklich zu sein!"
Wilhelm hörte ein Geräusch hinter sich, er kehrte sich um und sah ein
Kindergesicht schalkhaft durch die Teppiche des Eingangs hervorgucken:
es war Felix. Der Knabe versteckte sich sogleich scherzend, als er
gesehen wurde. "Komm hervor!" rief der Abbe. Er kam gelaufen, sein
Vater stürzte ihm entgegen, nahm ihn in die Arme und drückte ihn an
sein Herz. "Ja, ich fühl's", rief er aus, "du bist mein! Welche Gabe
des Himmels habe ich meinen Freunden zu verdanken! Wo kommst du her,
mein Kind, gerade in diesem Augenblick?"
"Fragen Sie nicht", sagte der Abbe. "Heil dir, junger Mann! deine
Lehrjahre sind vorüber; die Natur hat dich losgesprochen."
Sez Alman ädäbiyättän 1 tekst ukıdıgız.
  • Büleklär
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 - 1
    Süzlärneñ gomumi sanı 4405
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1475
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    59.9 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    66.8 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 - 2
    Süzlärneñ gomumi sanı 4399
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1464
    45.8 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    59.6 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    67.3 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 - 3
    Süzlärneñ gomumi sanı 4483
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1425
    46.5 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    60.7 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    68.1 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 - 4
    Süzlärneñ gomumi sanı 4466
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1419
    47.4 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    63.0 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    68.2 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 - 5
    Süzlärneñ gomumi sanı 4501
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1450
    45.2 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    60.7 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    66.9 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 - 6
    Süzlärneñ gomumi sanı 3457
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1206
    50.7 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    65.1 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    70.6 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.