Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 2

Süzlärneñ gomumi sanı 4250
Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1621
39.4 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
53.5 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
59.5 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
italki
Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesellschaft in so guter Disposition
sah, sich auch mit ihr über das dichterische Verdienst der Stücke
unterhalten zu können. "Es ist nicht genug", sagte er zu ihnen, als
sie des andern Tages wieder zusammenkamen, "daß der Schauspieler ein
Stück nur so obenhin ansehe, dasselbe nach dem ersten Eindruck
beurteile und ohne Prüfung sein Gefallen oder Mißfallen daran zu
erkennen gebe. Dies ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der gerührt und
unterhalten sein, aber eigentlich nicht urteilen will. Der
Schauspieler dagegen soll von dem Stücke und von den Ursachen seines
Lobes und Tadels Rechenschaft geben können: und wie will er das, wenn
er nicht in den Sinn seines Autors, wenn er nicht in die Absichten
desselben einzudringen versteht? Ich habe den Fehler, ein Stück aus
einer Rolle zu beurteilen, eine Rolle nur an sich und nicht im
Zusammenhange mit dem Stück zu betrachten, an mir selbst in diesen
Tagen so lebhaft bemerkt, daß ich euch das Beispiel erzählen will,
wenn ihr mir ein geneigtes Gehör gönnen wollt.
Ihr kennt Shakespeares unvergleichlichen "Hamlet" aus einer Vorlesung,
die euch schon auf dem Schlosse das größte Vergnügen machte. Wir
setzten uns vor, das Stück zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen,
was ich tat, die Rolle des Prinzen übernommen; ich glaubte sie zu
studieren, indem ich anfing, die stärksten Stellen, die
Selbstgespräche und jene Auftritte zu memorieren, in denen Kraft der
Seele, Erhebung des Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum haben,
wo das bewegte Gemüt sich in einem gefühlvollen Ausdrucke zeigen kann.
Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen, wenn ich
die Last der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich nähme und
unter diesem Druck meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrinth so
mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte
ich, und so übte ich mich und glaubte nach und nach mit meinem Helden
zu einer Person zu werden.
Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des
Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmöglich, zu einer übersicht zu
gelangen. Nun ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge
durch, und auch da wollte mir leider manches nicht passen. Bald
schienen sich die Charaktere, bald der Ausdruck zu widersprechen, und
ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze
Rolle mit allen Abweichungen und Schattierungen vortragen könnte. In
diesen Irrgängen bemühte ich mich lange vergebens, bis ich mich
endlich auf einem ganz besondern Wege meinem Ziele zu nähern hoffte.
Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter Hamlets in früher
Zeit vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhängig
von dieser traurigen Begebenheit, unabhängig von den nachfolgenden
schrecklichen Ereignissen dieser interessante Jüngling gewesen war und
was er ohne sie vielleicht geworden wäre.
Zart und edel entsprossen, wuchs die königliche Blume unter den
unmittelbaren Einflüssen der Majestät hervor; der Begriff des Rechts
und der fürstlichen Würde, das Gefühl des Guten und Anständigen mit
dem Bewußtsein der Höhe seiner Geburt entwickelten sich zugleich in
ihm. Er war ein Fürst, ein geborner Fürst, und wünschte zu regieren,
nur damit der Gute ungehindert gut sein möchte. Angenehm von Gestalt,
gesittet von Natur, gefällig von Herzen aus, sollte er das Muster der
Jugend sein und die Freude der Welt werden.
Ohne irgendeine hervorstechende Leidenschaft war seine Liebe zu
Ophelien ein stilles Vorgefühl süßer Bedürfnisse; sein Eifer zu
ritterlichen übungen war nicht ganz original; vielmehr mußte diese
Lust durch das Lob, das man dem Dritten beilegte, geschärft und erhöht
werden; rein fühlend, kannte er die Redlichen und wußte die Ruhe zu
schätzen, die ein aufrichtiges Gemüt an dem offnen Busen eines
Freundes genießt. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in Künsten und
Wissenschaften das Gute und Schöne erkennen und würdigen gelernt; das
Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Haß
aufkeimen konnte, so war es nur ebenso viel, als nötig ist, um
bewegliche und falsche Höflinge zu verachten und spöttisch mit ihnen
zu spielen. Er war gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen
einfach, weder im Müßiggange behaglich noch allzu begierig nach
Beschäftigung. Ein akademisches Hinschlendern schien er auch bei Hofe
fortzusetzen. Er besaß mehr Fröhlichkeit der Laune als des Herzens,
war ein guter Gesellschafter, nachgiebig, bescheiden, besorgt, und
konnte eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber niemals konnte er
sich mit dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten, des Guten, des
Anständigen überschritt.
Wenn wir das Stück wieder zusammen lesen werden, könnt ihr beurteilen,
ob ich auf dem rechten Wege bin. Wenigstens hoffe ich meine Meinung
durchaus mit Stellen belegen zu können."
Man gab der Schilderung lauten Beifall; man glaubte vorauszusehen, daß
sich nun die Handelsweise Hamlets gar gut werde erklären lassen; man
freute sich über diese Art, in den Geist des Schriftstellers
einzudringen. Jeder nahm sich vor, auch irgendein Stück auf diese Art
zu studieren und den Sinn des Verfassers zu entwickeln.


IV. Buch, 4. Kapitel


Viertes Kapitel
Nur einige Tage mußte die Gesellschaft an dem Orte liegenbleiben, und
sogleich zeigten sich für verschiedene Glieder derselben nicht
unangenehme Abenteuer, besonders aber ward Laertes von einer Dame
angereizt, die in der Nachbarschaft ein Gut hatte, gegen die er sich
aber äußerst kalt, ja unartig betrug und darüber von Philinen viele
Spöttereien erdulden mußte. Sie ergriff die Gelegenheit, unserm
Freund die unglückliche Liebesgeschichte zu erzählen, über die der
arme Jüngling dem ganzen weiblichen Geschlechte feind geworden war.
"Wer wird ihm übelnehmen", rief sie aus, "daß er ein Geschlecht haßt,
das ihm so übel mitgespielt hat und ihm alle übel, die sonst Männer
von Weibern zu befürchten haben, in einem sehr konzentrierten Tranke
zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen vierundzwanzig
Stunden war er Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrei, Patient und
Witwer! Ich wüßte nicht, wie man's einem ärger machen wollte."
Laertes lief halb lachend, halb verdrießlich zur Stube hinaus, und
Philine fing in ihrer allerliebsten Art die Geschichte zu erzählen an,
wie Laertes als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bei
einer Theatergesellschaft eingetroffen, ein schönes vierzehnjähriges
Mädchen gefunden, die eben mit ihrem Vater, der sich mit dem Direktor
entzweiet, abzureisen willens gewesen. Er habe sich aus dem Stegreife
sterblich verliebt, dem Vater alle möglichen Vorstellungen getan zu
bleiben und endlich versprochen, das Mädchen zu heiraten. Nach
einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sei er getraut worden,
habe eine glückliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf habe ihn
seine Frau des andern Morgens, als er in der Probe gewesen, nach
Standesgebühr mit einem Hörnerschmuck beehrt; weil er aber aus
allzugroßer Zärtlichkeit viel zu früh nach Hause geeilt, habe er
leider einen ältern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, habe mit
unsinniger Leidenschaft dreingeschlagen, Liebhaber und Vater
herausgefordert und sei mit einer leidlichen Wunde davongekommen.
Vater und Tochter seien darauf noch in der Nacht abgereist, und er sei
leider auf eine doppelte Weise verwundet zurückgeblieben. Sein
Unglück habe ihn zu dem schlechtesten Feldscher von der Welt geführt,
und der Arme sei leider mit schwarzen Zähnen und triefenden Augen aus
diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu bedauern, weil er übrigens der
bravste Junge sei, den Gottes Erdboden trüge. "Besonders", sagte sie,
"tut es mir leid, daß der arme Narr nun die Weiber haßt: denn wer die
Weiber haßt, wie kann der leben?"
Melina unterbrach sie mit der Nachricht, daß alles zum Transport
völlig bereit sei und daß sie morgen früh abfahren könnten. Er
überreichte ihnen eine Disposition, wie sie fahren sollten.
"Wenn mich ein guter Freund auf den Schoß nimmt", sagte Philine, "so
bin ich zufrieden, daß wir eng und erbärmlich sitzen; übrigens ist mir
alles einerlei."
"Es tut nichts", sagte Laertes, der auch herbeikam.
"Es ist verdrießlich!" sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand für sein
Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine
andere Einteilung ward gemacht, und man freute sich, bequem abreisen
zu können, als die bedenkliche Nachricht einlief: daß auf dem Wege,
den sie nehmen wollten, sich ein Freikorps sehen lasse, von dem man
nicht viel Gutes erwartete.
An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie
gleich nur schwankend und zweideutig war. Nach der Stellung der
Armeen schien es unmöglich, daß ein feindliches Korps sich habe
durchschleichen oder daß ein freundliches so weit habe zurückbleiben
können. Jedermann war eifrig, unsrer Gesellschaft die Gefahr, die auf
sie wartete, recht gefährlich zu beschreiben und ihr einen andern Weg
anzuraten.
Die meisten waren darüber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach
der neuen republikanischen Form die sämtlichen Glieder des Staats
zusammengerufen wurden, um über diesen außerordentlichen Fall zu
beratschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, daß man das übel
vermeiden und am Orte bleiben oder ihm ausweichen und einen andern Weg
erwählen müsse.
italki
Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt für schimpflich,
einen Plan, in den man mit so viel überlegung eingegangen war, nunmehr
auf ein bloßes Gerücht aufzugeben. Er sprach ihnen Mut ein, und seine
Gründe waren männlich und überzeugend.
"Noch", sagte er, "ist es nichts als ein Gerücht, und wie viele
dergleichen entstehen im Kriege! Verständige Leute sagen, daß der
Fall höchst unwahrscheinlich, ja beinah unmöglich sei. Sollten wir
uns in einer so wichtigen Sache bloß durch ein so ungewisses Gerede
bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr Graf angegeben hat,
auf die unser Paß lautet, ist die kürzeste, und wir finden auf
selbiger den besten Weg. Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr
Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu
hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche
schlimmen Wege verwickelt er uns, wie weit führt er uns ab! Können
wir Hoffnung haben, uns in der späten Jahrszeit wieder herauszufinden,
und was für Zeit und Geld werden wir indessen versplittern!" Er sagte
noch viel und trug die Sache von so mancherlei vorteilhaften Seiten
vor, daß ihre Furcht sich verringerte und ihr Mut zunahm. Er wußte
ihnen so viel von der Mannszucht der regelmäßigen Truppen vorzusagen
und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so nichtswürdig
zu schildern und selbst die Gefahr so lieblich und lustig darzustellen,
daß alle Gemüter aufgeheitert wurden.
Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite und versicherte, daß
er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand wenigstens
einige übereinstimmende Ausdrücke in seiner Manier, Philine lachte sie
alle zusammen aus, und da Madame Melina, die, ihrer hohen
Schwangerschaft ungeachtet, ihre natürliche Herzhaftigkeit nicht
verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand, so konnte Melina, der
denn freilich auf dem nächsten Wege, auf den er akkordiert hatte, viel
zu sparen hoffte, nicht widerstehen, und man willigte in den Vorschlag
von ganzem Herzen.
Nun fing man an, sich auf alle Fälle zur Verteidigung einzurichten.
Man kaufte große Hirschfänger und hing sie an wohlgestickten Riemen
über die Schultern. Wilhelm steckte noch überdies ein Paar Terzerole
in den Gürtel; Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bei sich, und
man machte sich mit einer hohen Freudigkeit auf den Weg.
Den zweiten Tag schlugen die Fuhrleute, die der Gegend wohl kundig
waren, vor: sie wollten auf einem waldigen Bergplatze Mittagsruhe
halten, weil das Dorf weit abgelegen sei und man bei guten Tagen gern
diesen Weg nähme.
Die Witterung war schön, und jedermann stimmte leicht in den Vorschlag
ein. Wilhelm eilte zu Fuß durch das Gebirge voraus, und über seine
sonderbare Gestalt mußte jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. Er
eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den Wald hinauf, Laertes
pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen ließen sich in den Wagen
fortschleppen. Mignon lief gleichfalls nebenher, stolz auf den
Hirschfänger, den man ihr, als die Gesellschaft sich bewaffnete, nicht
abschlagen konnte. Um ihren Hut hatte sie die Perlenschnur gewunden,
die Wilhelm von Marianens Reliquien übrigbehalten hatte. Friedrich
der Blonde trug die Flinte des Laertes, der Harfner hatte das
friedlichste Ansehen. Sein langes Kleid war in den Gürtel gesteckt,
und so ging er freier. Er stützte sich auf einen knotigen Stab, sein
Instrument war bei den Wagen zurückgeblieben.
Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwerlichkeit die Höhe erstiegen,
erkannten sie sogleich den angezeigten Platz an den schönen Buchen,
die ihn umgaben und bedeckten. Eine große, sanft abhängige Waldwiese
lud zum Bleiben ein; eine eingefaßte Quelle bot die lieblichste
Erquickung dar, und es zeigte sich an der andern Seite durch
Schluchten und Waldrücken eine ferne, schöne und hoffnungsvolle
Aussicht. Da lagen Dörfer und Mühlen in den Gründen, Städtchen in der
Ebene, und neue, in der Ferne eintretende Berge machten die Aussicht
noch hoffnungsvoller, indem sie nur wie eine sanfte Beschränkung
hereintraten.
Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der Gegend, ruhten im
Schatten aus, machten ein Feuer an und erwarteten geschäftig, singend
die übrige Gesellschaft, welche nach und nach herbeikam und den Platz,
das schöne Wetter, die unaussprechlich schöne Gegend mit einem Munde
begrüßte.


IV. Buch, 5. Kapitel


Fünftes Kapitel
Hatte man oft zwischen vier Wänden gute und fröhliche Stunden zusammen
genossen, so war man natürlich noch viel aufgeweckter hier, wo die
Freiheit des Himmels und die Schönheit der Gegend jedes Gemüt zu
reinigen schien. Alle fühlten sich einander näher, alle wünschten in
einem so angenehmen Aufenthalt ihr ganzes Leben hinzubringen. Man
beneidete die Jäger, Köhler und Holzhauer, Leute, die ihr Beruf in
diesen glücklichen Wohnplätzen festhält; über alles aber pries man die
reizende Wirtschaft eines Zigeunerhaufens. Man beneidete die
wunderlichen Gesellen, die in seligem Müßiggange alle abenteuerlichen
Reize der Natur zu genießen berechtigt sind; man freute sich, ihnen
einigermaßen ähnlich zu sein.
Indessen hatten die Frauen angefangen, Erdäpfel zu sieden und die
mitgebrachten Speisen auszupacken und zu bereiten. Einige Töpfe
standen beim Feuer, gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter
den Bäumen und Büschen. Ihre seltsamen Kleidungen und die mancherlei
Waffen gaben ihr ein fremdes Ansehen. Die Pferde wurden beiseite
gefüttert, und wenn man die Kutschen hätte verstecken wollen, so wäre
der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion romantisch gewesen.
Wilhelm genoß ein nie gefühltes Vergnügen. Er konnte hier eine
wandernde Kolonie und sich als Anführer derselben denken. In diesem
Sinne unterhielt er sich mit einem jeden und bildete den Wahn des
Moments so poetisch als möglich aus. Die Gefühle der Gesellschaft
erhöhten sich; man aß, trank und jubilierte und bekannte wiederholt,
niemals schönere Augenblicke erlebt zu haben.
Nicht lange hatte das Vergnügen zugenommen, als bei den jungen Leuten
die Tätigkeit erwachte. Wilhelm und Laertes griffen zu den Rapieren
und fingen diesmal in theatralischer Absicht ihre übungen an. Sie
wollten den Zweikampf darstellen, in welchem Hamlet und sein Gegner
ein so tragisches Ende nehmen. Beide Freunde waren überzeugt, daß man
in dieser wichtigen Szene nicht, wie es wohl auf Theatern zu geschehen
pflegt, nur ungeschickt hin und wider stoßen dürfe: sie hofften ein
Muster darzustellen, wie man bei der Aufführung auch dem Kenner der
Fechtkunst ein würdiges Schauspiel zu geben habe. Man schloß einen
Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und Einsicht, das Interesse
der Zuschauer wuchs mit jedem Gange.
Auf einmal aber fiel im nächsten Busche ein Schuß und gleich darauf
noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald
erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die
Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.
Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsre
Helden warfen die Rapiere weg, griffen nach den Pistolen, eilten den
Räubern entgegen und forderten unter lebhaften Drohungen Rechenschaft
des Unternehmens.
Als man ihnen lakonisch mit ein paar Musketenschüssen antwortete,
drückte Wilhelm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen
erstiegen hatte und die Stricke des Gepäckes auseinanderschnitt.
Wohlgetroffen stürzte er sogleich herunter; Laertes hatte auch nicht
fehlgeschossen, und beide Freunde zogen beherzt ihre Seitengewehre,
als ein Teil der räuberischen Bande mit Fluchen und Gebrüll auf sie
losbrach, einige Schüsse auf sie tat und sich mit blinkenden Säbeln
ihrer Kühnheit entgegensetzte. Unsre jungen Helden hielten sich
tapfer; sie riefen ihren übrigen Gesellen zu und munterten sie zu
einer allgemeinen Verteidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den
Anblick des Lichtes und das Bewußtsein dessen, was vorging. Von einem
Schuß, der ihn zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete, von
einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete und fast bis auf die Hirnschale
durchdrang, betäubt, fiel er nieder und mußte das unglückliche Ende
des überfalls nur erst in der Folge aus der Erzählung vernehmen.
Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich in der wunderbarsten
Lage. Das erste, was ihm durch die Dämmerung, die noch vor seinen
Augen lag, entgegenblickte, war das Gesicht Philinens, das sich über
das seine herüberneigte. Er fühlte sich schwach, und da er, um sich
emporzurichten, eine Bewegung machte, fand er sich in Philinens Schoß,
in den er auch wieder zurücksank. Sie saß auf dem Rasen, hatte den
Kopf des vor ihr ausgestreckten Jünglings leise an sich gedrückt und
ihm in ihren Armen, soviel sie konnte, ein sanftes Lager bereitet.
Mignon kniete mit zerstreuten, blutigen Haaren an seinen Füßen und
umfaßte sie mit vielen Tränen.
Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte er mit gebrochener
Stimme, wo er sich befinde, was ihm und den andern begegnet sei.
Philine bat ihn, ruhigzubleiben; die übrigen, sagte sie, seien alle in
Sicherheit und niemand als er und Laertes verwundet. Weiter wollte
sie nichts erzählen und bat ihn inständig, er möchte sich ruhighalten,
weil seine Wunden nur schlecht und in der Eile verbunden seien. Er
reichte Mignon die Hand und erkundigte sich nach der Ursache der
blutigen Locken des Kindes, das er auch verwundet glaubte.
Um ihn zu beruhigen, erzählte Philine: dieses gutherzige Geschöpf, da
es seinen Freund verwundet gesehen, habe sich in der Geschwindigkeit
auf nichts besonnen, um das Blut zu stillen, es habe seine eigenen
Haare, die um den Kopf geflogen, genommen, um die Wunden zu stopfen,
habe aber bald von dem vergeblichen Unternehmen abstehen müssen.
Nachher verband man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte dazu ihr
Halstuch hergegeben.
Wilhelm bemerkte, daß Philine mit dem Rücken gegen ihren Koffer saß,
der noch ganz wohl verschlossen und unbeschädigt aussah. Er fragte,
ob die andern auch so glücklich gewesen, ihre Habseligkeiten zu retten.
Sie antwortete mit Achselzucken und einem Blick auf die Wiese, wo
zerbrochene Kasten, zerschlagene Koffer, zerschnittene Mantelsäcke und
eine Menge kleiner Gerätschaften zerstreut hin und wieder lagen. Kein
Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die wunderliche Gruppe fand
sich in dieser Einsamkeit allein.
Wilhelm erfuhr nun immer mehr, als er wissen wollte: die übrigen
Männer, die allenfalls noch Widerstand hätten tun können, waren gleich
in Schrecken gesetzt und bald überwältigt; ein Teil floh, ein Teil sah
mit Entsetzen dem Unfalle zu. Die Fuhrleute, die sich noch wegen
ihrer Pferde am hartnäckigsten gehalten hatten, wurden niedergeworfen
und gebunden, und in kurzem war alles rein ausgeplündert und
weggeschleppt. Die beängstigten Reisenden fingen, sobald die Sorge
für ihr Leben vorüber war, ihren Verlust zu bejammern an, eilten mit
möglichstes Geschwindigkeit dem benachbarten Dorfe zu, führten den
leicht verwundeten Laertes mit sich und brachten nur wenige Trümmer
ihrer Besitztümer davon. Der Harfner hatte sein beschädigtes
Instrument an einen Baum gelehnt und war mit nach dem Orte geeilt,
einen Wundarzt aufzusuchen und seinem für tot zurückgelassenen
Wohltäter nach Möglichkeit beizuspringen.


IV. Buch, 6. Kapitel


Sechstes Kapitel
Unsre drei verunglückten Abenteurer blieben indes noch eine Zeitlang
in ihrer seltsamen Lage, niemand eilte ihnen zu Hülfe. Der Abend kam
herbei, die Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgültigkeit
fing an, in Unruhe überzugehen, Mignon lief hin und wider, und die
Ungeduld des Kindes nahm mit jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen
ihr Wunsch gewährt ward und Menschen sich ihnen näherten, überfiel sie
ein neuer Schrecken. Sie hörten ganz deutlich einen Trupp Pferde in
dem Wege heraufkommen, den auch sie zurückgelegt hatten, und
fürchteten, daß abermals eine Gesellschaft ungebetener Gäste diesen
Waldplatz besuchen möchte, um Nachlese zu halten.
Wie angenehm wurden sie dagegen überrascht, als ihnen aus den Büschen,
auf einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Gesichte kam, die von
einem ältlichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde;
Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Husaren folgten nach.
Philine, die zu dieser Erscheinung große Augen machte, war eben im
Begriff zu rufen und die schöne Amazone um Hülfe anzuflehen, als diese
schon erstaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete,
sogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stillehielt. Sie erkundigte
sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen Lage, in dem Schoße der
leichtfertigen Samariterin, ihr höchst sonderbar vorzukommen schien.
"Ist es Ihr Mann?" fragte sie Philinen. "Es ist nur ein guter Freund",
versetzte diese mit einem Ton, der Wilhelmen höchst zuwider war. Er
hatte seine Augen auf die sanften, hohen, stillen, teilnehmenden
Gesichtszüge der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres
noch Liebenswürdigeres gesehen zu haben. Ein weiter Mannsüberrock
verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die
Einflüsse der kühlen Abendluft, von einem ihrer Gesellschafter geborgt.

Die Ritter waren indes auch näher gekommen; einige stiegen ab, die
Dame tat ein Gleiches und fragte mit menschenfreundlicher Teilnehmung
nach allen Umständen des Unfalls, der die Reisenden betroffen hatte,
besonders aber nach den Wunden des hingestreckten Jünglings. Darauf
wandte sie sich schnell um und ging mit einem alten Herrn seitwärts
nach den Wagen, welche langsam den Berg heraufkamen und auf dem
Waldplatze stillehielten.
Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche
gestanden und sich mit den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein
Mann von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten
Helden führte. An dem Kästchen, das er in der Hand hatte, und an der
ledernen Tasche mit Instrumenten erkannte man ihn bald für einen
Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als einnehmend, doch seine
Hand leicht und seine Hülfe willkommen.
Er untersuchte genau, erklärte, keine Wunde sei gefährlich, er wolle
sie auf der Stelle verbinden, alsdann könne man den Kranken in das
nächste Dorf bringen.
Die Besorgnisse der jungen Dame schienen sich zu vermehren. "Sehen
Sie nur," sagte sie, nachdem sie einigemal hin und her gegangen war
und den alten Herrn wieder herbeiführte, "sehen Sie, wie man ihn
zugerichtet hat! Und leidet er nicht um unsertwillen?" Wilhelm hörte
diese Worte und verstand sie nicht. Sie ging unruhig hin und wider;
es schien, als könnte sie sich nicht von dem Anblick des Verwundeten
losreißen und als fürchtete sie zugleich den Wohlstand zu verletzen,
wenn sie stehenbliebe zu der Zeit, da man ihn, wiewohl mit Mühe, zu
entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt eben den linken ärmel auf,
als der alte Herr hinzutrat und ihr mit einem ernsthaften Tone die
Notwendigkeit, ihre Reise fortzusetzen, vorstellte. Wilhelm hatte
seine Augen auf sie gerichtet und war von ihren Blicken so eingenommen,
daß er kaum fühlte, was mit ihm vorging.
Philine war indessen aufgestanden, um der gnädigen Dame die Hand zu
küssen. Als sie nebeneinander standen, glaubte unser Freund nie einen
solchen Abstand gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie in einem so
ungünstigen Lichte erschienen. Sie sollte, wie es ihm vorkam, sich
jener edlen Natur nicht nahen, noch weniger sie berühren.
Die Dame fragte Philinen Verschiedenes, aber leise. Endlich kehrte
sie sich zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabeistand, und
sagte: "Lieber Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein?" Sie
zog sogleich den überrock aus, und ihre Absicht, ihn dem Verwundeten
und Unbekleideten hinzugeben, war nicht zu verkennen.
Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher festgehalten hatte,
war nun, als der überrock fiel, von ihrer schönen Gestalt überrascht.
Sie trat näher herzu und legte den Rock sanft über ihn. In diesem
Augenblicke, da er den Mund öffnen und einige Worte des Dankes
stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck ihrer Gegenwart so
sonderbar auf seine schon angegriffenen Sinne, daß es ihm auf einmal
vorkam, als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben und über ihr ganzes
Bild verbreite sich nach und nach ein glänzendes Licht. Der Chirurgus
berührte ihn eben unsanfter, indem er die Kugel, welche in der Wunde
stak, herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand vor den
Augen des Hinsinkenden; er verlor alles Bewußtsein, und als er wieder
zu sich kam, waren Reiter und Wagen, die Schöne samt ihren Begleitern
verschwunden.


IV. Buch, 7. Kapitel


Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet war, eilte der
Chirurgus weg, eben als der Harfenspieler mit einer Anzahl Bauern
heraufkam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen ästen und
eingeflochtenem Reisig eine Trage, luden den Verwundeten darauf und
brachten ihn unter Anführung eines reitenden Jägers, den die
Herrschaft zurückgelassen hatte, sachte den Berg hinunter. Der
Harfner, still und in sich gekehrt, trug sein beschädigtes Instrument,
einige Leute schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem
Bündel nach, Mignon sprang bald voraus, bald zur Seite durch Busch und
Wald und blickte sehnlich nach ihrem kranken Beschützer hinüber.
Dieser lag, in seinen warmen überrock gehüllt, ruhig auf der Bahre.
Eine elektrische Wärme schien aus der feinen Wolle in seinen Körper
überzugehen; genug, er fühlte sich in die behaglichste Empfindung
versetzt. Die schöne Besitzerin des Kleides hatte mächtig auf ihn
gewirkt. Er sah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelste
Gestalt, von Strahlen umgeben, vor sich stehen, und seine Seele eilte
der Verschwundenen durch Felsen und Wälder auf dem Fuße nach.
Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe vor dem Wirtshause an, in
welchem sich die übrige Gesellschaft befand und verzweiflungsvoll den
unersetzlichen Verlust beklagte. Die einzige, kleine Stube des Hauses
war von Menschen vollgepfropft: einige lagen auf der Streue, andere
hatten die Bänke eingenommen, einige sich hinter den Ofen gedrückt,
und Frau Melina erwartete in einer benachbarten Kammer ängstlich ihre
Niederkunft. Der Schrecken hatte sie beschleunigt, und unter dem
Beistande der Wirtin, einer jungen, unerfahrnen Frau, konnte man wenig
Gutes erwarten.
Als die neuen Ankömmlinge hereingelassen zu werden verlangten,
entstand ein allgemeines Murren. Man behauptete nun, daß man allein
auf Wilhelms Rat, unter seiner besondern Anführung diesen gefährlichen
Weg unternommen und sich diesem Unfall ausgesetzt habe. Man warf die
Schuld des übeln Ausgangs auf ihn, widersetzte sich an der Türe seinem
Sez Alman ädäbiyättän 1 tekst ukıdıgız.
Çirattagı - Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 3
  • Büleklär
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 1
    Süzlärneñ gomumi sanı 4301
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1566
    43.0 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    57.2 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    63.2 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 2
    Süzlärneñ gomumi sanı 4250
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1621
    39.4 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    53.5 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    59.5 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 3
    Süzlärneñ gomumi sanı 4311
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1534
    41.2 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    56.3 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    63.3 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 4
    Süzlärneñ gomumi sanı 4369
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1562
    43.7 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    58.7 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    64.7 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 5
    Süzlärneñ gomumi sanı 4335
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1588
    41.6 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    56.3 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    62.7 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 - 6
    Süzlärneñ gomumi sanı 3864
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1465
    43.8 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    57.5 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    64.0 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.