Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 3

Süzlärneñ gomumi sanı 4305
Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1564
42.2 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
56.8 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
62.4 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
italki
Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden sollten.
Auf eine geschickte Weise wußte die Baronesse Wilhelmen wieder
beiseite zu schaffen und ließ ihn bald darauf wissen, sie habe die
übrigen Sachen auch besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musikus,
der des Grafen Hauskapelle dirigierte, damit dieser teils die
notwendigen Stücke komponieren, teils schickliche Melodien aus dem
Musikvorrate dazu aussuchen sollte. Nunmehr ging alles nach Wunsche,
der Graf fragte dem Stücke nicht weiter nach, sondern war
hauptsächlich mit der transparenten Dekoration beschäftigt, welche am
Ende des Stückes die Zuschauer überraschen sollte. Seine Erfindung
und die Geschicklichkeit seines Konditors brachten zusammen wirklich
eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte
er die größten Feierlichkeiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und
Zeichnungen mitgebracht und wußte, was dazu gehörte, mit vielem
Geschmacke anzugeben.
Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem jeden seine Rolle,
übernahm die seinige, und der Musikus, der sich zugleich sehr gut auf
den Tanz verstand, richtete das Ballett ein, und so ging alles zum
besten.
Nur ein unerwartetes Hindernis legte sich in den Weg, das ihm eine
böse Lücke zu machen drohte. Er hatte sich den größten Effekt von
Mignons Eiertanze versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das
Kind ihm mit seiner gewöhnlichen Trockenheit abschlug zu tanzen,
versicherte, es sei nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Theater
gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden zu bewegen und ließ nicht
eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm zu Füßen fiel und
rief: "Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern!" Er merkte nicht
auf diesen Wink und sann, wie er durch eine andere Wendung die Szene
interessant machen wollte.
Philine, die eins von den Landmädchen machte und in dem Reihentanz die
einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte,
freute sich recht ausgelassen darauf. übrigens ging ihr es vollkommen
nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin,
die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas
geschenkt bekam: ein Kleid zu diesem Stücke wurde auch für sie
zurechtegemacht; und weil sie von einer leichten, nachahmenden Natur
war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der Damen soviel gemerkt,
als sich für sie schickte, und war in kurzer Zeit voll Lebensart und
guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters nahm mehr zu
als ab, und da die Offiziere auch stark auf sie eindrangen und sie
sich in einem so reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch
einmal die Spröde zu spielen und auf eine geschickte Weise sich in
einem gewissen vornehmen Ansehen zu üben. Kalt und fein, wie sie war,
kannte sie in acht Tagen die Schwächen des ganzen Hauses, daß, wenn
sie absichtlich hätte verfahren können, sie gar leicht ihr Glück würde
gemacht haben. Allein auch hier bediente sie sich ihres Vorteils nur,
um sich zu belustigen, um sich einen guten Tag zu machen und
impertinent zu sein, wo sie merkte, daß es ohne Gefahr geschehen
konnte.
Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des Stücks ward befohlen,
der Graf wollte dabeisein, und seine Gemahlin fing an zu sorgen, wie
er es aufnehmen möchte. Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, und
man zeigte, je näher die Stunde herbeirückte, immer mehr Verlegenheit:
denn es war doch eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen
übriggeblieben. Jarno, der eben hereintrat, wurde in das Geheimnis
gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, seine guten
Dienste den Damen anzubieten. "Es wäre gar schlimm", sagte er,
"gnädige Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein
heraushelfen wollten; doch auf alle Fälle will ich im Hinterhalte
liegenbleiben." Die Baronesse erzählte hierauf, wie sie bisher dem
Grafen das ganze Stück, aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung
erzählt habe, daß er also auf jedes Einzelne vorbereitet sei, nur
stehe er freilich in Gedanken, das Ganze werde mit seiner Idee
zusammentreffen. "Ich will mich", sagte sie, "heute abend in der
Probe zu ihm setzen und ihn zu zerstreuen suchen. Den Konditor habe
ich auch schon vorgehabt, daß er ja die Dekorationen am Ende recht
schön macht, dabei aber doch etwas Geringes fehlen läßt."
"Ich wüßte einen Hof", versetzte Jarno, "wo wir so tätige und kluge
Freunde brauchten, als Sie sind. Will es heute abend mit Ihren
Künsten nicht mehr fort, so winken Sie mir, und ich will den Grafen
herausholen und ihn nicht eher wieder hineinlassen, bis Minerva
auftritt und von der Illumination bald Sukkurs zu hoffen ist. Ich
habe ihm schon seit einigen Tagen etwas zu eröffnen, das seinen Vetter
betrifft und das ich noch immer aus Ursachen aufgeschoben habe. Es
wird ihm auch das eine Distraktion geben, und zwar nicht die
angenehmste."
Einige Geschäfte hinderten den Grafen, beim Anfange der Probe zu sein,
dann unterhielt ihn die Baronesse. Jarnos Hülfe war gar nicht nötig.
Denn indem der Graf genug zurechtzuweisen, zu verbessern und
anzuordnen hatte, vergaß er sich ganz und gar darüber, und da Frau
Melina zuletzt nach seinem Sinne sprach und die Illumination gut
ausfiel, bezeigte er sich vollkommen zufrieden. Erst als alles vorbei
war und man zum Spiele ging, schien ihm der Unterschied aufzufallen,
und er fing an nachzudenken, ob denn das Stück auch wirklich von
seiner Erfindung sei. Auf einen Wink fiel nun Jarno aus seinem
Hinterhalte hervor, der Abend verging, die Nachricht, daß der Prinz
wirklich komme, bestätigte sich, man ritt einigemal aus, die
Avantgarde in der Nachbarschaft kampieren zu sehen, das Haus war voll
Lärmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht immer zum besten
von den unwilligen Bedienten versorgt wurden, mußten, ohne daß jemand
sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in
Erwartungen und übungen zubringen.


III. Buch, 8. Kapitel


Achtes Kapitel
Endlich war der Prinz angekommen; die Generalität, die Stabsoffiziere
und das übrige Gefolge, das zu gleicher Zeit eintraf, die vielen
Menschen, die teils zum Besuche, teils geschäftswegen einsprachen,
machten das Schloß einem Bienenstocke ähnlich, der eben schwärmen will.
Jedermann drängte sich herbei, den vortrefflichen Fürsten zu sehen,
und jedermann bewunderte seine Leutseligkeit und Herablassung,
jedermann erstaunte, in dem Helden und Heerführer zugleich den
gefälligsten Hofmann zu erblicken.
Alle Hausgenossen mußten nach Ordre des Grafen bei der Ankunft des
Fürsten auf ihrem Posten sein, kein Schauspieler durfte sich blicken
lassen, weil der Prinz mit den vorbereiteten Feierlichkeiten
überrascht werden sollte, und so schien er auch des Abends, als man
ihn in den großen, wohlerleuchteten und mit gewirkten Tapeten des
vorigen Jahrhunderts ausgezierten Saal führte, ganz und gar nicht auf
ein Schauspiel, viel weniger auf ein Vorspiel zu seinem Lobe
vorbereitet zu sein. Alles lief auf das beste ab, und die Truppe
mußte nach vollendeter Vorstellung herbei und sich dem Prinzen zeigen,
der jeden auf die freundlichste Weise etwas zu fragen, jedem auf die
gefälligste Art etwas zu sagen wußte. Wilhelm als Autor mußte
besonders vortreten, und ihm ward gleichfalls sein Teil Beifall
zugespendet.
Nach dem Vorspiele fragte niemand sonderlich, in einigen Tagen war es,
als wenn nichts dergleichen wäre aufgeführt worden, außer daß Jarno
mit Wilhelmen gelegentlich davon sprach und es sehr verständig lobte;
nur setzte er hinzu: "Es ist schade, daß Sie mit hohlen Nüssen um
hohle Nüsse spielen."--Mehrere Tage lag Wilhelmen dieser Ausdruck im
Sinne, er wußte nicht, wie er ihn auslegen noch was er daraus nehmen
sollte.
Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so gut, als sie es
nach ihren Kräften vermochte, und tat das mögliche, um die
Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen. Ein unverdienter
Beifall munterte sie auf, und in ihrem alten Schlosse glaubten sie nun
wirklich, eigentlich um ihretwillen dränge sich die große Versammlung
herbei, nach ihren Vorstellungen ziehe sich die Menge der Fremden und
sie seien der Mittelpunkt, um den und um deswillen sich alles drehe
und bewege.
Wilhelm allein bemerkte zu seinem großen Verdrusse gerade das
Gegenteil. Denn obgleich der Prinz die ersten Vorstellungen von
Anfange bis zu Ende auf seinem Sessel sitzend mit der größten
Gewissenhaftigkeit abwartete, so schien er sich doch nach und nach auf
eine gute Weise davon zu dispensieren. Gerade diejenigen, welche
Wilhelm im Gespräche als die Verständigsten gefunden hatte, Jarno an
ihrer Spitze, brachten nur flüchtige Augenblicke im Theatersaale zu,
übrigens saßen sie im Vorzimmer, spielten oder schienen sich von
Geschäften zu unterhalten.
Wilhelmen verdroß gar sehr, bei seinen anhaltenden Bemühungen des
erwünschtesten Beifalls zu entbehren. Bei der Auswahl der Stücke, der
Abschrift der Rollen, den häufigen Proben, und was sonst nur immer
vorkommen konnte, ging er Melinan eifrig zur Hand, der ihn denn auch,
seine eigene Unzulänglichkeit im stillen fühlend, zuletzt gewähren
ließ. Die Rollen memorierte Wilhelm mit Fleiß und trug sie mit Wärme
und Lebhaftigkeit und mit soviel Anstand vor, als die wenige Bildung
erlaubte, die er sich selbst gegeben hatte.
Die fortgesetzte Teilnahme des Barons benahm indes der übrigen
italki
Gesellschaft jeden Zweifel, indem er sie versicherte, daß sie die
größten Effekte hervorbringe, besonders indem sie eins seiner eigenen
Stücke aufführte, nur bedauerte er, daß der Prinz eine ausschließende
Neigung für das französische Theater habe, daß ein Teil seiner Leute
hingegen, worunter sich Jarno besonders auszeichne, den Ungeheuern der
englischen Bühne einen leidenschaftlichen Vorzug gebe.
War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler nicht auf das
beste bemerkt und bewundert, so waren dagegen ihre Personen den
Zuschauern und Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben
schon oben angezeigt, daß die Schauspielerinnen gleich von Anfang die
Aufmerksamkeit junger Offiziere erregten; allein sie waren in der
Folge glücklicher und machten wichtigere Eroberungen. Doch wir
schweigen davon und bemerken nur, daß Wilhelm der Gräfin von Tag zu
Tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille Neigung gegen
sie aufzukeimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, die
Augen nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein gegen sie
gerichtet zu spielen und zu rezitieren. Sich wechselseitig anzusehen
war ihnen ein unaussprechliches Vergnügen, dem sich ihre harmlosen
Seelen ganz überließen, ohne lebhaftere Wünsche zu nähren oder für
irgendeine Folge besorgt zu sein.
Wie über einen Fluß hinüber, der sie scheidet, zwei feindliche
Vorposten sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg
zu denken, in welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so
wechselte die Gräfin mit Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure
Kluft der Geburt und des Standes hinüber, und jedes glaubte an seiner
Seite, sicher seinen Empfindungen nachhängen zu dürfen.
Die Baronesse hatte sich indessen den Laertes ausgesucht, der ihr als
ein wackerer, munterer Jüngling besonders gefiel und der, sosehr
Weiberfeind er war, doch ein vorbeigehendes Abenteuer nicht
verschmähete und wirklich diesmal wider Willen durch die Leutseligkeit
und das einnehmende Wesen der Baronesse gefesselt worden wäre, hätte
ihm der Baron zufällig nicht einen guten oder, wenn man will, einen
schlimmen Dienst erzeigt, indem er ihn mit den Gesinnungen dieser Dame
näher bekannt machte.
Denn als Laertes sie einst laut rühmte und sie allen andern ihres
Geschlechts vorzog, versetzte der Baron scherzend: "Ich merke schon,
wie die Sachen stehen, unsre liebe Freundin hat wieder einen für ihre
Ställe gewonnen." Dieses unglückliche Gleichnis, das nur zu klar auf
die gefährlichen Liebkosungen einer Circe deutete, verdroß Laertes
über die Maßen, und er konnte dem Baron nicht ohne ärgernis zuhören,
der ohne Barmherzigkeit fortfuhr:
"Jeder Fremde glaubt, daß er der erste sei, dem ein so angenehmes
Betragen gelte; aber er irrt gewaltig, denn wir alle sind einmal auf
diesem Wege herumgeführt worden; Mann, Jüngling oder Knabe, er sei,
wer er sei, muß sich eine Zeitlang ihr ergeben, ihr anhängen und sich
mit Sehnsucht um sie bemühen."
Den Glücklichen, der eben, in die Gärten einer Zauberin hineintretend,
von allen Seligkeiten eines künstlichen Frühlings empfangen wird, kann
nichts unangenehmer überraschen, als wenn ihm, dessen Ohr ganz auf den
Gesang der Nachtigall lauscht, irgendein verwandelter Vorfahr
unvermutet entgegengrunzt.
Laertes schämte sich nach dieser Entdeckung recht von Herzen, daß ihn
seine Eitelkeit nochmals verleitet habe, von irgendeiner Frau auch nur
im mindesten gut zu denken. Er vernachlässigte sie nunmehr völlig,
hielt sich zu dem Stallmeister, mit dem er fleißig focht und auf die
Jagd ging, bei Proben und Vorstellungen aber sich betrug, als wenn
dies bloß eine Nebensache wäre.
Der Graf und die Gräfin ließen manchmal morgens einige von der
Gesellschaft rufen, da jeder denn immer Philinens unverdientes Glück
zu beneiden Ursache fand. Der Graf hatte seinen Liebling, den
Pedanten, oft stundenlang bei seiner Toilette. Dieser Mensch ward
nach und nach bekleidet und bis auf Uhr und Dose equipiert und
ausgestattet.
Auch wurde die Gesellschaft manchmal samt und sonders nach Tafel vor
die hohen Herrschaften gefordert. Sie schätzten sich es zur größten
Ehre und bemerkten es nicht, daß man zu ebenderselben Zeit durch Jäger
und Bediente eine Anzahl Hunde hereinbringen und Pferde im Schloßhofe
vorführen ließ.
Man hatte Wilhelmen gesagt, daß er ja gelegentlich des Prinzen
Liebling Racine loben und dadurch auch von sich eine gute Meinung
erwecken solle. Er fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit,
da er auch mit vorgefordert worden war und der Prinz ihn fragte, ob
er auch fleißig die großen französischen Theaterschriftsteller lese,
darauf ihm denn Wilhelm mit einem sehr lebhaften ja antwortete. Er
bemerkte nicht, daß der Fürst, ohne seine Antwort abzuwarten, schon im
Begriff war, sich weg und zu jemand andern zu wenden, er faßte ihn
vielmehr sogleich und trat ihm beinah in den Weg, indem er fortfuhr:
er schätze das französische Theater sehr hoch und lese die Werke der
großen Meister mit Entzücken; besonders habe er zu wahrer Freude
gehört, daß der Fürst den großen Talenten eines Racine völlige
Gerechtigkeit widerfahren lasse. "Ich kann es mir vorstellen", fuhr
er fort, "wie vornehme und erhabene Personen einen Dichter schätzen
müssen, der die Zustände ihrer höheren Verhältnisse so vortrefflich
und richtig schildert. Corneille hat, wenn ich so sagen darf, große
Menschen dargestellt, und Racine vornehme Personen. Ich kann mir,
wenn ich seine Stücke lese, immer den Dichter denken, der an einem
glänzenden Hofe lebt, einen großen König vor Augen hat, mit den Besten
umgeht und in die Geheimnisse der Menschheit dringt, wie sie sich
hinter kostbar gewirkten Tapeten verbergen. Wenn ich seinen
"Britannicus", seine "Berenice" studiere, so kommt es mir wirklich vor,
ich sei am Hofe, sei in das Große und Kleine dieser Wohnungen der
irdischen Götter geweiht, und ich sehe durch die Augen eines
feinfühlenden Franzosen Könige, die eine ganze Nation anbetet,
Hofleute, die von viel Tausenden beneidet werden, in ihrer natürlichen
Gestalt mit ihren Fehlern und Schmerzen. Die Anekdote, daß Racine
sich zu Tode gegrämt habe, weil Ludwig der Vierzehnte ihn nicht mehr
angesehen, ihn seine Unzufriedenheit fühlen lassen, ist mir ein
Schlüssel zu allen seinen Werken, und es ist unmöglich, daß ein
Dichter von so großen Talenten, dessen Leben und Tod an den Augen
eines Königes hängt, nicht auch Stücke schreiben solle, die des
Beifalls eines Königes und eines Fürsten wert seien."
Jarno war herbeigetreten und hörte unserem Freunde mit Verwunderung zu;
der Fürst, der nicht geantwortet und nur mit einem gefälligen Blicke
seinen Beifall gezeigt hatte, wandte sich seitwärts, obgleich Wilhelm,
dem es noch unbekannt war, daß es nicht anständig sei, unter solchen
Umständen einen Diskurs fortzusetzen und eine Materie erschöpfen zu
wollen, noch gerne mehr gesprochen und dem Fürsten gezeigt hätte, daß
er nicht ohne Nutzen und Gefühl seinen Lieblingsdichter gelesen.
"Haben Sie denn niemals", sagte Jarno, indem er ihn beiseite nahm,
"ein Stück von Shakespearen gesehen?"
"Nein", versetzte Wilhelm, "denn seit der Zeit, daß sie in Deutschland
bekannter geworden sind, bin ich mit dem Theater unbekannt worden, und
ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, daß sich zufällig eine alte
jugendliche Liebhaberei und Beschäftigung gegenwärtig wieder erneuerte.
Indessen hat mich alles, was ich von jenen Stücken gehört, nicht
neugierig gemacht, solche seltsame Ungeheuer näher kennenzulernen, die
über alle Wahrscheinlichkeit, allen Wohlstand hinauszuschreiten
scheinen."
"Ich will Ihnen denn doch raten", versetzte jener, "einen Versuch zu
machen; es kann nichts schaden, wenn man auch das Seltsame mit eigenen
Augen sieht. Ich will Ihnen ein paar Teile borgen, und Sie können
Ihre Zeit nicht besser anwenden, als wenn Sie sich gleich von allem
losmachen und in der Einsamkeit Ihrer alten Wohnung in die
Zauberlaterne dieser unbekannten Welt sehen. Es ist sündlich, daß Sie
Ihre Stunden verderben, diese Affen menschlicher auszuputzen und diese
Hunde tanzen zu lehren. Nur eins bedinge ich mir aus, daß Sie sich an
die Form nicht stoßen; das übrige kann ich Ihrem richtigen Gefühle
überlassen."
Die Pferde standen vor der Tür, und Jarno setzte sich mit einigen
Kavalieren auf, um sich mit der Jagd zu erlustigen. Wilhelm sah ihm
traurig nach. Er hätte gern mit diesem Manne noch vieles gesprochen,
der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche Art, neue Ideen gab, Ideen,
deren er bedurfte.
Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner
Kräfte, Fähigkeiten und Begriffe nähert, in eine Verlegenheit, aus der
ihm ein guter Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer,
der nicht weit von der Herberge ins Wasser fällt; griffe jemand
sogleich zu, risse ihn ans Land, so wäre es um einmal naß werden getan,
anstatt daß er sich auch wohl selbst, aber am jenseitigen Ufer,
heraushilft und einen beschwerlichen, weiten Umweg nach seinem
bestimmten Ziele zu machen hat.
Wilhelm fing an zu wittern, daß es in der Welt anders zugehe, als er
es sich gedacht. Er sah das wichtige und bedeutungsvolle Leben der
Vornehmen und Großen in der Nähe und verwunderte sich, wie einen
leichten Anstand sie ihm zu geben wußten. Ein Heer auf dem Marsche,
ein fürstlicher Held an seiner Spitze, so viele mitwirkende Krieger,
so viele zudringende Verehrer erhöhten seine Einbildungskraft. In
dieser Stimmung erhielt er die versprochenen Bücher, und in kurzem,
wie man es vermuten kann, ergriff ihn der Strom jenes großen Genius
und führte ihn einem unübersehlichen Meere zu, worin er sich gar bald
völlig vergaß und verlor.


III. Buch, 9. Kapitel


Neuntes Kapitel
Das Verhältnis des Barons zu den Schauspielern hatte seit ihrem
Aufenthalte im Schlosse verschiedene Veränderungen erlitten. Im
Anfange gereichte es zu beiderseitiger Zufriedenheit: denn indem der
Baron das erstemal in seinem Leben eines seiner Stücke, mit denen er
ein Gesellschaftstheater schon belebt hatte, in den Händen wirklicher
Schauspieler und auf dem Wege zu einer anständigen Vorstellung sah,
war er von dem besten Humor, bewies sich freigebig und kaufte bei
jedem Galanteriehändler, deren sich manche einstellten, kleine
Geschenke für die Schauspielerinnen und wußte den Schauspielern manche
Bouteille Champagner extra zu verschaffen; dagegen gaben sie sich auch
mit seinen Stücken alle Mühe, und Wilhelm sparte keinen Fleiß, die
herrlichen Reden des vortrefflichen Helden, dessen Rolle ihm
zugefallen war, auf das genaueste zu memorieren.
Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige Mißhelligkeiten
eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons für gewisse Schauspieler
wurde von Tag zu Tag merklicher, und notwendig mußte dies die übrigen
verdrießen. Er erhob seine Günstlinge ganz ausschließlich und brachte
dadurch Eifersucht und Uneinigkeit unter die Gesellschaft. Melina,
der sich bei streitigen Fällen ohnedem nicht zu helfen wußte, befand
sich in einem sehr unangenehmen Zustande. Die Gepriesenen nahmen das
Lob an, ohne sonderlich dankbar zu sein, und die Zurückgesetzten
ließen auf allerlei Weise ihren Verdruß spüren und wußten ihrem erst
hochverehrten Gönner den Aufenthalt unter ihnen auf eine oder die
andere Weise unangenehm zu machen; ja es war ihrer Schadenfreude keine
geringe Nahrung, als ein gewisses Gedicht, dessen Verfasser man nicht
kannte, im Schlosse viele Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich
immer, doch auf eine ziemlich feine Weise, über den Umgang des Barons
mit den Komödianten aufgehalten, man hatte allerlei Geschichten auf
ihn gebracht, gewisse Vorfälle ausgeputzt und ihnen eine lustige und
interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzählen, es
entstehe eine Art von Handwerksneid zwischen ihm und einigen
Schauspielern, die sich auch einbildeten, Schriftsteller zu sein, und
auf diese Sage gründet sich das Gedicht, von welchem wir sprachen und
welches lautete wie folgt:

Ich armer Teufel, Herr Baron,
Beneide Sie um Ihren Stand,
Um Ihren Platz so nah am Thron
Und um manch schön' Stück Ackerland,
Um Ihres Vaters festes Schloß,
Um seine Wildbahn und Geschoß.

Mich armen Teufel, Herr Baron,
Beneiden Sie, so wie es scheint,
Weil die Natur vom Knaben schon
Mit mir es mütterlich gemeint.
Ich ward mit leichtem Mut und Kopf
Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.

Nun dächt ich, lieber Herr Baron,
Wir ließen's beide, wie wir sind:
Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,
Und ich blieb' meiner Mutter Kind.
Wir leben ohne Neid und Haß,
Begehren nicht des andern Titel,
Sie keinen Platz auf dem Parnaß,
Und keinen ich in dem Kapitel.

Die Stimmen über dieses Gedicht, das in einigen fast unleserlichen
Abschriften sich in verschiedenen Händen befand, waren sehr geteilt,
auf den Verfasser aber wußte niemand zu mutmaßen, und als man mit
einiger Schadenfreude sich darüber zu ergötzen anfing, erklärte sich
Wilhelm sehr dagegen.
"Wir Deutschen", rief er aus, "verdienten, daß unsere Musen in der
Verachtung blieben, in der sie so lange geschmachtet haben, da wir
nicht Männer von Stande zu schätzen wissen, die sich mit unserer
Literatur auf irgendeine Weise abgeben mögen. Geburt, Stand und
Vermögen stehen in keinem Widerspruch mit Genie und Geschmack, das
haben uns fremde Nationen gelehrt, welche unter ihren besten Köpfen
eine große Anzahl Edelleute zählen. War es bisher in Deutschland ein
Wunder, wenn ein Mann von Geburt sich den Wissenschaften widmete,
wurden bisher nur wenige berühmte Namen durch ihre Neigung zu Kunst
und Wissenschaft noch berühmter; stiegen dagegen manche aus der
Dunkelheit hervor und traten wie unbekannte Sterne an den Horizont: so
wird das nicht immer so sein, und wenn ich mich nicht sehr irre, so
ist die erste Klasse der Nation auf dem Wege, sich ihrer Vorteile auch
zu Erringung des schönsten Kranzes der Musen in Zukunft zu bedienen.
Es ist mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht allein den
Bürger oft über den Edelmann, der die Musen zu schätzen weiß, spotten,
sondern auch Personen von Stande selbst, mit unüberlegter Laune und
niemals zu billigender Schadenfreude, ihresgleichen von einem Wege
abschrecken sehe, auf dem einen jeden Ehre und Zufriedenheit erwartet."
Es schien die letzte äußerung gegen den Grafen gerichtet zu sein, von
welchem Wilhelm gehört hatte, daß er das Gedicht wirklich gut finde.
Freilich war diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron zu
scherzen pflegte, ein solcher Anlaß sehr erwünscht, seinen Verwandten
auf alle Weise zu plagen. Jedermann hatte seine eigenen Mutmaßungen,
wer der Verfasser des Gedichtes sein könnte, und der Graf, der sich
nicht gern im Scharfsinn von jemand übertroffen sah, fiel auf einen
Gedanken, den er sogleich zu beschwören bereit war: das Gedicht könnte
sich nur von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner Bursche
sei und an dem er schon lange so etwas poetisches Genie gemerkt habe.
Um sich ein rechtes Vergnügen zu machen, ließ er deswegen an einem
Morgen diesen Schauspieler rufen, der ihm in Gegenwart der Gräfin, der
Baronesse und Jarnos das Gedicht nach seiner Art vorlesen mußte und
dafür Lob, Beifall und ein Geschenk einerntete und die Frage des
Grafen, ob er nicht sonst noch einige Gedichte von frühern Zeiten
besitze, mit Klugheit abzulehnen wußte. So kam der Pedant zum Rufe
eines Dichters, eines Witzlings und in den Augen derer, die dem Baron
günstig waren, eines Pasquillanten und schlechten Menschen. Von der
Zeit an applaudierte ihm der Graf nur immer mehr, er mochte seine
Rolle spielen, wie er wollte, so daß der arme Mensch zuletzt
aufgeblasen, ja beinahe verrückt wurde und darauf sann, gleich
Philinen ein Zimmer im Schlosse zu beziehen.
Wäre dieser Plan sogleich zu vollführen gewesen, so möchte er einen
großen Unfall vermieden haben. Denn als er eines Abends spät nach dem
alten Schlosse ging und in dem dunkeln, engen Wege herumtappte, ward
er auf einmal angefallen, von einigen Personen festgehalten, indessen
andere auf ihn wacker losschlugen und ihn im Finstern so zerdraschen,
daß er beinahe liegenblieb und nur mit Mühe zu seinen Kameraden
hinaufkroch, die, sosehr sie sich entrüstet stellten, über diesen
Unfall ihre heimliche Freude fühlten und sich kaum des Lachens
erwehren konnten, als sie ihn so wohl durchwalkt und seinen neuen
braunen Rock über und über weiß, als wenn er mit Müllern Händel gehabt,
bestäubt und befleckt sahen.
Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen
unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das größte
Verbrechen, qualifizierte sie zu einem beleidigten Burgfrieden und
ließ durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen.
Der weißbestäubte Rock sollte eine Hauptanzeige geben. Alles, was nur
irgend mit Puder und Mehl im Schlosse zu schaffen haben konnte, wurde
mit in die Untersuchung gezogen, jedoch vergebens.
Der Baron versicherte bei seiner Ehre feierlich: jene Art zu scherzen
habe ihm freilich sehr mißfallen, und das Betragen des Herrn Grafen
sei nicht das freundschaftlichste gewesen, aber er habe sich darüber
hinauszusetzen gewußt, und an dem Unfall, der dem Poeten oder
Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle, begegnet, habe er nicht den
mindesten Anteil.
Die übrigen Bewegungen der Fremden und die Unruhe des Hauses brachten
bald die ganze Sache in Vergessenheit, und der unglückliche Günstling
mußte das Vergnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu haben,
teuer bezahlen.
Unsere Truppe, die regelmäßig alle Abende fortspielte und im ganzen
sehr wohl gehalten wurde, fing nun an, je besser es ihr ging, desto
größere Anforderungen zu machen. In kurzer Zeit war ihnen Essen,
Trinken, Aufwartung, Wohnung zu gering, und sie lagen ihrem Beschützer,
dem Baron, an, daß er für sie besser sorgen und ihnen zu dem Genusse
und der Bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, doch endlich
verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter und die Bemühungen ihres
Freundes, ihnen genugzutun, immer fruchtloser.
Wilhelm kam indessen, außer in Proben und Spielstunden, wenig mehr zum
Vorscheine. In einem der hintersten Zimmer verschlossen, wozu nur
Mignon und dem Harfner der Zutritt gerne verstattet wurde, lebte und
webte er in der Shakespearischen Welt, so daß er außer sich nichts
kannte noch empfand.
Man erzählt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure
Menge allerlei geistiger Gestalten in ihre Stube herbeiziehen. Die
Beschwörungen sind so kräftig, daß sich bald der Raum des Zimmers
ausfüllt und die Geister, bis an den kleinen gezogenen Kreis
hinangedrängt, um denselben und über dem Haupte des Meisters in ewig
Sez Alman ädäbiyättän 1 tekst ukıdıgız.
Çirattagı - Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 4
  • Büleklär
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 1
    Süzlärneñ gomumi sanı 4266
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1538
    42.1 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    57.2 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    63.3 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 2
    Süzlärneñ gomumi sanı 4273
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1518
    41.8 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    56.8 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    62.7 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 3
    Süzlärneñ gomumi sanı 4305
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1564
    42.2 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    56.8 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    62.4 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 4
    Süzlärneñ gomumi sanı 4323
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1497
    41.6 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    56.5 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    63.1 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 5
    Süzlärneñ gomumi sanı 1083
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 506
    54.1 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    66.6 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    71.3 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.