Der Freigeist - 1

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italki
Der Freigeist
Gotthold Ephraim Lessing
Ein Lustspiel in fünf Aufzügen
Verfertigt im Jahre 1749

Personen:
Adrast, der Freigeist
Theophan, ein junger Geistlicher
Lisidor
Juliane und Henriette, Töchter des Lisidor
Frau Philane
Araspe, Theophans Vetter
Johann
Martin
Lisette
Ein Wechsler
Die Szene ist ein Saal.


Erster Aufzug

Erster Auftritt
Adrast. Theophan.

Theophan. Werden Sie es übelnehmen, Adrast, wenn ich mich endlich
über den stolzen Kaltsinn beklage, den Sie nicht aufhören, gegen mich
zu äußern? Schon seit Monaten sind wir in einem Hause, und warten auf
einerlei Glück. Zwei liebenswürdige Schwestern sollen es uns machen.
Bedenken Sie doch, Adrast! können wir noch dringender eingeladen
werden, uns zu lieben, und eine Freundschaft unter uns zu stiften, wie
sie unter Brüdern sein sollte? Wie oft bin ich nicht darauf
bestanden?--
Adrast. Ebenso oft haben Sie gesehen, daß ich mich nicht einlassen
will. Freundschaft? Freundschaft unter uns?--Wissen Sie, muß ich
fragen, was Freundschaft ist?
Theophan. Ob ich es weiß?
Adrast. Alle Fragen bestürzen, deren wir nicht gewärtig sind. Gut,
Sie wissen es. Aber meine Art zu denken, und die Ihrige, diese kennen
Sie doch auch?
Theophan. Ich verstehe Sie. Also sollen wir wohl Feinde sein?
Adrast. Sie haben mich schön verstanden! Feinde? Ist denn kein
Mittel? Muß denn der Mensch eines von beiden, hassen, oder lieben?
Gleichgültig wollen wir einander bleiben. Und ich weiß, eigentlich
wünschen Sie dieses selbst. Lernen Sie wenigstens nur die
Aufrichtigkeit von mir.
Theophan. Ich bin bereit. Werden Sie mich aber diese Tugend in aller
ihrer Lauterkeit lehren?
Adrast. Erst fragen Sie sich selbst, ob sie Ihnen in aller ihrer
Lauterkeit gefallen würde?
Theophan. Gewiß. Und Ihnen zu zeigen, ob Ihr künftiger Schüler
einige Fähigkeit dazu hat, wollen Sie mich wohl einen Versuch machen
lassen?
Adrast. Recht gern.
Theophan. Wo nur mein Versuch nicht ein Meisterstück wird. Hören Sie
also, Adrast--Aber erlauben Sie mir, daß ich mit einer Schmeichelei
gegen mich selbst anfange. Ich habe von jeher einigen Wert auf meine
Freundschaft gelegt; ich bin vorsichtig, ich bin karg damit gewesen.
Sie sind der erste, dem ich sie angeboten habe; und Sie sind der
einzige, dem ich sie aufdringen will.--Umsonst sagt mir Ihr
verächtlicher Blick, daß es mir nicht gelingen solle. Gewiß, es soll
mir gelingen. Ihr eigen Herz ist mir Bürge; Ihr eigen Herz, Adrast,
welches unendlich besser ist, als es Ihr Witz, der sich in gewisse
groß scheinende Meinungen verliebt hat, vielleicht wünschet.
Adrast. Ich hasse die Lobsprüche, Theophan, und besonders die, welche
meinem Herzen auf Unkosten meines Verstandes gegeben werden. Ich weiß
eigentlich nicht, was das für Schwachheiten sein müssen (Schwachheiten
aber müssen es sein), derentwegen Ihnen mein Herz so wohlgefällt; das
aber weiß ich, daß ich nicht eher ruhen werde, als bis ich sie, durch
Hülfe meines Verstandes, daraus verdrungen habe.
Theophan. Ich habe die Probe meiner Aufrichtigkeit kaum angefangen,
und Ihre Empfindlichkeit ist schon rege. Ich werde nicht weit kommen.
Adrast. So weit als Sie wollen. Fahren Sie nur fort.
Theophan. Wirklich?--Ihr Herz also ist das beste, das man finden kann.
Es ist zu gut, Ihrem Geiste zu dienen, den das Neue, das Besondere
geblendet hat, den ein Anschein von Gründlichkeit zu glänzenden
Irrtümern dahinreißt, und der, aus Begierde bemerkt zu werden, Sie mit
aller Gewalt zu etwas machen will, was nur Feinde der Tugend, was nur
Bösewichter sein sollten. Nennen Sie es, wie Sie wollen: Freidenker,
starker Geist, Deist; ja, wenn Sie ehrwürdige Benennungen mißbrauchen
wollen, nennen Sie es Philosoph: es ist ein Ungeheuer, es ist die
Schande der Menschheit. Und Sie, Adrast, den die Natur zu einer
Zierde derselben bestimmte, der nur seinen eignen Empfindungen folgen
dürfte, um es zu sein; Sie, mit einer solchen Anlage zu allem, was
edel und groß ist, Sie entehren sich vorsätzlich. Sie stürzen sich
mit Bedacht aus Ihrer Höhe herab, bei dem Pöbel der Geister einen Ruhm
zu erlangen, für den ich lieber aller Welt Schande wählen wollte.
Adrast. Sie vergessen sich, Theophan, und wenn ich Sie nicht
unterbreche, so glauben Sie endlich gar, daß Sie sich an dem Platze
befinden, auf welchem Ihresgleichen ganze Stunden ungestört schwatzen
dürfen.
Theophan. Nein, Adrast, Sie unterbrechen keinen überlästigen Prediger;
besinnen Sie sich nur: Sie unterbrechen bloß einen Freund,--wider
Ihren Willen nenne ich mich so,--der eine Probe seiner Freimütigkeit
ablegen sollte.
Adrast. Und eine Probe seiner Schmeichelei abgeleget hat;--aber einer
verdeckten Schmeichelei, einer Schmeichelei, die eine gewisse
Bitterkeit annimmt, um destoweniger Schmeichelei zu scheinen.--Sie
werden machen, daß ich Sie endlich auch verachte.--Wenn Sie die
Freimütigkeit kennten, so würden Sie mir alles unter die Augen gesagt
haben, was Sie in Ihrem Herzen von mir denken. Ihr Mund würde mir
keine gute Seite geliehen haben, die mir Ihre innere Überzeugung nicht
zugestehet. Sie würden mich geradeweg einen Ruchlosen gescholten
haben, der sich der Religion nur deswegen zu entziehen suche, damit er
seinen Lüsten desto sicherer nachhängen könne. Um sich pathetischer
auszudrücken, würden Sie mich einen Höllenbrand, einen eingefleischten
Teufel genannt haben. Sie würden keine Verwünschungen gespart, kurz,
Sie würden sich so erwiesen haben, wie sich ein Theolog gegen die
Verächter seines Aberglaubens, und also auch seines Ansehens, erweisen
muß.
Theophan. Ich erstaune. Was für Begriffe!
Adrast. Begriffe, die ich von tausend Beispielen abgesondert habe.--
Doch wir kommen zu weit. Ich weiß, was ich weiß, und habe längst
gelernt, die Larve von dem Gesichte zu unterscheiden. Es ist eine
Karnevalserfahrung: je schöner die erste, desto häßlicher das andere.
Theophan. Sie wollen damit sagen--
Adrast. Ich will nichts damit sagen, als daß ich noch zu wenig Grund
habe, die Allgemeinheit meines Urteils von den Gliedern Ihres Standes,
um Ihretwillen einzuschränken. Ich habe mich nach den Ausnahmen zu
lange vergebens umgesehen, als daß ich hoffen könnte, die erste an
Ihnen zu finden. Ich müßte Sie länger, ich müßte Sie unter
verschiedenen Umständen gekannt haben, wenn--
Theophan. Wenn Sie meinem Gesichte die Gerechtigkeit widerfahren
lassen sollten, es für keine Larve zu halten. Wohl! Aber wie können
Sie kürzer dazu gelangen, als wenn Sie mich Ihres nähern Umganges
würdigen? Machen Sie mich zu Ihrem Freunde, stellen Sie mich auf die
Probe--
Adrast. Sachte! die Probe käme zu spät, wenn ich Sie bereits zu
meinem Freunde angenommen hätte. Ich habe geglaubt, sie müsse
vorhergehen.
Theophan. Es gibt Grade in der Freundschaft, Adrast; und ich verlange
den vertrautesten noch nicht.
Adrast. Kurz, auch zu dem niedrigsten können Sie nicht fähig sein.
Theophan. Ich kann nicht dazu fähig sein? Wo liegt die Unmöglichkeit?
Adrast. Kennen Sie, Theophan, wohl ein Buch, welches das Buch aller
Bücher sein soll; welches alle unsere Pflichten enthalten, welches uns
zu allen Tugenden die sichersten Vorschriften erteilen soll, und
welches der Freundschaft gleichwohl mit keinem Worte gedenkt? Kennen
Sie dieses Buch?
Theophan. Ich sehe Sie kommen, Adrast. Welchem Collin haben Sie
diesen armseligen Einwurf abgeborgt?
Adrast. Abgeborgt, oder selbst erfunden: es ist gleich viel. Es muß
ein kleiner Geist sein, der sich Wahrheiten zu borgen schämt.
Theophan. Wahrheiten!--Sind Ihre übrigen Wahrheiten von gleicher
Güte? Können Sie mich einen Augenblick anhören?
Adrast. Wieder predigen?
Theophan. Zwingen Sie mich nicht darzu? Oder wollen Sie, daß man
Ihre seichten Spöttereien unbeantwortet lassen soll, damit es scheine,
als könne man nicht darauf antworten?
Adrast. Und was können Sie denn darauf antworten?
Theophan. Dieses. Sagen Sie mir, ist die Liebe unter der
Freundschaft, oder die Freundschaft unter der Liebe begriffen?
Notwendig das letztere. Derjenige also, der die Liebe in ihrem
allerweitesten Umfange gebietet, gebietet der nicht auch die
Freundschaft? Ich sollte es glauben; und es ist so wenig wahr, daß
unser Gesetzgeber die Freundschaft seines Gebotes nicht würdig
geschätzt habe, daß er vielmehr seine Lehre zu einer Freundschaft
gegen die ganze Welt gemacht hat.
Adrast. Sie bürden ihm Ungereimtheiten auf. Freundschaft gegen die
ganze Welt? Was ist das? Mein Freund muß kein Freund der ganzen Welt
sein.
Theophan. Und also ist Ihnen wohl nichts Freundschaft als jene
Übereinstimmung der Temperamente, jene angeborne Harmonie der Gemüter,
jener heimliche Zug gegeneinander, jene unsichtbare Kette, die zwei
einerlei denkende, einerlei wollende Seelen verknüpfet?
Adrast. Ja, nur dieses ist mir Freundschaft.
Theophan. Nur dieses? Sie widersprechen sich also selbst.
Adrast. Oh! daß ihr Leute doch überall Widersprüche findet, außer
nur da nicht, wo sie wirklich sind!
italki
Theophan. Überlegen Sie es. Wenn diese, ohne Zweifel nicht
willkürliche, Übereinstimmung der Seelen, diese in uns liegende
Harmonie mit einem andern einzelnen Wesen allein die wahre
Freundschaft ausmacht: wie können Sie verlangen, daß sie der
Gegenstand eines Gesetzes sein soll? Wo sie ist, darf sie nicht
geboten werden; und wo sie nicht ist, da wird sie umsonst geboten.
Und wie können Sie es unserm Lehrer zur Last legen, daß er die
Freundschaft in diesem Verstande übergangen hat? Er hat uns eine
edlere Freundschaft befohlen, welche jenes blinden Hanges, den auch
die unvernünftigen Tiere nicht missen, entbehren kann: eine
Freundschaft, die sich nach erkannten Vollkommenheiten mitteilet;
welche sich nicht von der Natur lenken läßt, sondern welche die Natur
selbst lenket.
Adrast. O Geschwätze!
Theophan. Ich muß Ihnen dieses sagen, Adrast, ob Sie es gleich
ebensowohl wissen könnten, als ich; und auch wissen sollten. Was
würden Sie selbst von mir denken, wenn ich den Verdacht nicht mit
aller Gewalt von mir abzulenken suchte, als mache mich die Religion zu
einem Verächter der Freundschaft, die Religion, die Sie nur allzugern
aus einem wichtigen Grunde verachten möchten?--Sehen Sie mich nicht so
geringschätzig an; wenden Sie sich nicht auf eine so beleidigende Art
von mir--
Adrast (beiseite). Das Pfaffengeschmeiß!--
Theophan. Ich sehe, Sie gebrauchen Zeit, den ersten Widerwillen zu
unterdrücken, den eine widerlegte Lieblingsmeinung natürlicherweise
erregt.--Ich will Sie verlassen. Ich erfuhr itzt ohnedem, daß einer
von meinen Anverwandten mit der Post angelangt sei. Ich gehe ihm
entgegen, und werde die Ehre haben Ihnen denselben vorzustellen.

Zweiter Auftritt
Adrast.--Daß ich ihn nimmermehr wiedersehen dürfte! Welcher von euch
Schwarzröcken wäre auch kein Heuchler?--Priestern habe ich mein
Unglück zu danken. Sie haben mich gedrückt, verfolgt, so nahe sie
auch das Blut mit mir verbunden hatte. Hassen will ich dich, Theophan
und alle deines Ordens! Muß ich denn auch hier in die Verwandtschaft
der Geistlichkeit geraten?--Er, dieser Schleicher, dieser blöde
Verleugner seines Verstandes, soll mein Schwager werden?--Und mein
Schwager durch Julianen?--Durch Julianen?--Welch grausames Geschick
verfolgt mich doch überall! Ein alter Freund meines verstorbenen
Vaters trägt mir eine von seinen Töchtern an. Ich eile herbei, und
muß zu spät kommen, und muß die, welche auf den ersten Anblick mein
ganzes Herz hatte, die, mit der ich allein glücklich leben konnte,
schon versprochen finden. Ach Juliane! So warest du mir nicht
bestimmt? du, die ich liebe? Und so soll ich mich mit einer
Schwester begnügen, die ich nicht liebe?--

Dritter Auftritt
Lisidor. Adrast.

Lisidor. Da haben wir's! Schon wieder allein, Adrast? Sagen Sie mir,
müssen die Philosophen so zu Winkel kriechen? Ich wollte doch lieber
sonst was sein--Und, wenn ich recht gehört habe, so sprachen Sie ja
wohl gar mit sich selber? Nu, nu! es ist schon wahr: ihr Herren
Grillenfänger könnt freilich mit niemand Klügerm reden, als mit euch
selber. Aber gleichwohl ist unsereiner auch kein Katzenkopf. Ich
schwatze eins mit, es mag sein, von was es will.
Adrast. Verzeihen Sie--
Lisidor. Je, mit Seinem Verzeihen! Er hat mir ja noch nichts zuwider
getan--Ich habe gern, wenn die Leute lustig sind. Und ich will kein
ehrlicher Mann sein, wenn ich mir nicht eine rechte Freude darauf
eingebildet habe, den Wildfang, wie sie Ihn sonst zu Hause nannten, zu
meinem Schwiegersohne zu haben. Freilich ist Er seitdem groß
gewachsen; Er ist auf Reisen gewesen; Er hat Land und Leute gesehen.
Aber, daß Er so gar sehr verändert würde wiedergekommen sein, das
hätte ich mir nicht träumen lassen. Da geht Er nun, und spintisiert
von dem, was ist--und was nicht ist,--von dem, was sein könnte, und
wenn es sein könnte, warum es wieder nicht sein könnte;--von der
Notwendigkeit, der halben und ganzen, der notwendigen Notwendigkeit,
und der nicht notwendigen Notwendigkeit;--von den A--A--wie heißen die
kleinen Dingerchen, die so in den Sonnenstrahlen herumfliegen? von
den A--A--Sage doch, Adrast--
Adrast. Von den Atomis, wollen Sie sagen.
Lisidor. Ja, ja, von den Atomis, von den Atomis. So heißen sie, weil
man ihrer ein ganz Tausend mit einem Atem hinunterschlucken kann.
Adrast. Ha! ha! ha!
Lisidor. Er lacht, Adrast? Ja, mein gutes Bürschchen, du mußt nicht
glauben, daß ich von den Sachen ganz und gar nichts verstehe. Ich
habe euch, Ihn und den Theophan, ja oft genug darüber zanken hören.
Ich behalte mir das Beste. Wenn ihr euch in den Haaren liegt, so
fische ich im trüben. Da fällt manche Brocke ab, die keiner von euch
brauchen kann, und die ist für mich. Ihr dürft deswegen nicht
neidisch auf mich sein; denn ich bereichere mich nicht von einem
allein. Das nehme ich von dir, mein lieber Adrast; und das vom
Theophan; und aus allen dem mache ich mir hernach ein Ganzes--
Adrast. Das vortrefflich ungeheuer sein muß.
Lisidor. Wieso?
Adrast. Sie verbinden Tag und Nacht, wenn Sie meine mit Theophans
Gedanken verbinden.
Lisidor. Je nu! so wird eine angenehme Dämmerung daraus.--Und
überhaupt ist es nicht einmal wahr, daß ihr so sehr voneinander
unterschieden wäret. Einbildungen! Einbildungen! Wie vielmal habe
ich nicht allen beiden zugleich recht gegeben? Ich bin es nur
allzuwohl überzeugt, daß alle ehrliche Leute einerlei glauben.
Adrast. Sollten! sollten! das ist wahr.
Lisidor. Nun da sehe man! was ist nun das wieder für ein
Unterscheid? Glauben, oder glauben sollen: es kömmt auf eines heraus.
Wer kann alle Worte so abzirkeln?--Und ich wette was, wenn ihr nur
erst werdet Schwäger sein, kein Ei wird dem andern ähnlicher sein
können.--
Adrast. Als ich dem Theophan, und er mir?
Lisidor. Gewiß. Noch wißt ihr nicht, was das heißt, miteinander
verwandt sein. Der Verwandtschaft wegen wird der einen Daumen breit,
und der einen Daumen breit nachgeben. Und einen Daumen breit, und
wieder einen Daumen breit, das macht zwei Daumen breit; und zwei
Daumen breit--ich bin ein Schelm, wenn ihr die auseinander seid.--
Nichts aber könnte mich in der Welt wohl so vergnügen, als daß meine
Töchter so vortrefflich für euch passen. Die Juliane ist eine geborne
Priesterfrau; und Henriette--in ganz Deutschland muß kein Mädchen zu
finden sein, das sich für Ihn, Adrast, besser schickte. Hübsch,
munter, fix; sie singt, sie tanzt, sie spielt; kurz, sie ist meine
leibhafte Tochter. Juliane dargegen ist die liebe, heilige Einfalt.
Adrast. Juliane? Sagen Sie das nicht. Ihre Vollkommenheiten fallen
vielleicht nur weniger in die Augen. Ihre Schönheit blendet nicht;
aber sie geht ans Herz. Man läßt sich gern von ihren stillen Reizen
fesseln, und man biegt sich mit Bedacht in ihr Joch, das uns andere in
einer fröhlichen Unbesonnenheit überwerfen müssen. Sie redet wenig;
aber auch ihr geringstes Wort hat Vernunft.
Lisidor. Und Henriette?
Adrast. Es ist wahr: Henriette weiß sich frei und witzig auszudrücken.
Würde es aber Juliane nicht auch können, wenn sie nur wollte, und
wenn sie nicht Wahrheit und Empfindung jenem prahlenden Schimmer
vorzöge? Alle Tugenden scheinen sich in ihrer Seele verbunden zu
haben--
Lisidor. Und Henriette?
Adrast. Es sei ferne, daß ich Henrietten irgend eine Tugend
absprechen sollte. Aber es gibt ein gewisses Äußeres, welches sie
schwerlich vermuten ließe, wenn man nicht andre Gründe für sie hätte.
Julianens gesetzte Anmut, ihre ungezwungene Bescheidenheit, ihre
ruhige Freude, ihre--
Lisidor. Und Henriettens?
Adrast. Henriettens wilde Annehmlichkeiten, ihre wohl lassende
Dreustigkeit, ihre fröhlichen Entzückungen stechen mit den gründlichen
Eigenschaften ihrer Schwester vortrefflich ab. Aber Juliane gewinnt
dabei--
Lisidor. Und Henriette?
Adrast. Verlieret dabei nichts. Nur daß Juliane--
Lisidor. Ho! ho! Herr Adrast, ich will doch nicht hoffen, daß Sie
auch an der Narrheit krank liegen, welche die Leute nur das für gut
und schön erkennen läßt, was sie nicht bekommen können. Wer Henker
hat Sie denn gedungen, Julianen zu loben?
Adrast. Fallen Sie auf nichts Widriges. Ich habe bloß zeigen wollen,
daß mich die Liebe für meine Henriette gegen die Vorzüge ihrer
Schwester nicht blind mache.
Lisidor. Nu, nu! wenn das ist, so mag es hingehen. Sie ist auch
gewiß ein gutes Kind, die Juliane. Sie ist der Augapfel ihrer
Großmutter. Und das gute, alte Weib hat tausendmal gesagt, die Freude
über ihr Julchen erhielte sie noch am Leben.
Adrast. Ach!
Lisidor. Das war ja gar geseufzt. Was Geier ficht Ihn an? Pfui!
Ein junger gesunder Mann, der alle Viertelstunden eine Frau nehmen
will, wird seufzen? Spare Er Sein Seufzen, bis Er die Frau hat!

Vierter Auftritt
Johann. Adrast. Lisidor.

Johann. Pst! Pst!
Lisidor. Nu? Nu?
Johann. Pst! Pst!
Adrast. Was gibt's?
Johann. Pst! Pst!
Lisidor. Pst! Pst! Mosjeu Johann. Kann der Schurke nicht näher
kommen?
Johann. Pst, Herr Adrast! Ein Wort im Vertrauen.
Adrast. So komm her!
Johann. Im Vertrauen, Herr Adrast.
Lisidor (welcher auf ihn zu geht). Nun? was willst du?
Johann (geht auf die andre Seite). Pst! Herr Adrast, nur ein
Wörtchen, ganz im Vertrauen!
Adrast. So pack dich her, und rede.
Lisidor. Rede! rede! Was kann der Schwiegersohn haben, das der
Schwiegervater nicht hören dürfte?
Johann. Herr Adrast! (Zieht ihn an dem Ärmel beiseite.)
Lisidor. Du Spitzbube, willst mich mit aller Gewalt vom Platze haben.
Rede nur, rede! ich gehe schon.
Johann. Oh! Sie sind gar zu höflich. Wenn Sie einen kleinen
Augenblick dort in die Ecke treten wollen: so können Sie immer da
bleiben.
Adrast. Bleiben Sie doch! ich bitte.
Lisidor. Nu! wenn ihr meint--(indem er auf sie zu kömmt).
Adrast. Nun sage, was willst du?
Johann (welcher sieht, daß ihm Lisidor wieder nahe steht). Nichts.
Adrast. Nichts?
Johann. Nichts, gar nichts.
Lisidor. Das Wörtchen im Vertrauen, hast du es schon wieder vergessen?
Johann. Potz Stern! sind Sie da? Ich denke, Sie stehen dort im
Winkel.
Lisidor. Narre, der Winkel ist näher gerückt.
Johann. Daran hat er sehr unrecht getan.
Adrast. Halte mich nicht länger auf, und rede.
Johann. Herr Lisidor, mein Herr wird böse.
Adrast. Ich habe vor ihm nichts Geheimes: rede!
Johann. So habe ich auch nichts für Sie.
Lisidor. Galgendieb, ich muß dir nur deinen Willen tun.--Ich gehe auf
meine Stube, Adrast: wenn Sie zu mir kommen wollen--
Adrast. Ich werde Ihnen gleich folgen.

Fünfter Auftritt
Johann. Adrast,

Johann. Ist er fort?
Adrast. Was hast du mir denn zu sagen? Ich wette, es ist eine
Kleinigkeit; und der Alte wird sich einbilden, daß es Halssachen sind.
Johann. Eine Kleinigkeit? Mit einem Worte, Herr Adrast, wir sind
verloren. Und Sie konnten verlangen, daß ich es in Gegenwart des
Lisidors sagen sollte?
Adrast. Verloren? Und wie denn? Erkläre dich.
Johann. Was ist da zu erklären? Kurz, wir sind verloren.--Aber so
unvorsichtig hätte ich mir Sie doch nimmermehr eingebildet, daß Sie es
sogar Ihren künftigen Schwiegervater wollten hören lassen--
Adrast. So laß mich es nur hören--
Johann. Wahrhaftig, er hätte die Lust auf einmal verlieren können, es
jemals zu werden.--So ein Streich!
Adrast. Nun? was denn für ein Streich? Wie lange wirst du mich noch
martern?
Johann. Ein ganz verdammter Streich.--Ja, ja! wenn der Bediente
nicht oft behutsamer wäre, als der Herr: es würden artige Dinge
herauskommen.
Adrast. Nichtswürdiger Schlingel--
Johann. Ho, ho! ist das mein Dank? Wenn ich es doch nur gesagt
hätte, wie der Alte da war. Wir hätten wollen sehen! wir hätten
wollen sehen--
Adrast. Daß dich dieser und jener--
Johann. Ha, ha! nach dem diesen und jenen wird nicht mehr gefragt.
Ich weiß doch wohl, daß Sie den Teufel meinen, und daß keiner ist.
Ich müßte wenig von Ihnen gelernt haben, wenn ich nicht der ganzen
Hölle ein Schnippchen schlagen wollte.
Adrast. Ich glaube, du spielst den Freigeist? Ein ehrlicher Mann
möchte einen Ekel davor bekommen, wenn er sieht, daß es ein jeder
Lumpenhund sein will.--Aber ich verbiete dir nunmehr, mir ein Wort zu
sagen. Ich weiß doch, daß es nichts ist.
Johann. Ich sollte es Ihnen nicht sagen? Ich sollte Sie so in Ihr
Unglück rennen lassen? Das wollen wir sehen.
Adrast. Gehe mir aus den Augen!
Johann. Nur Geduld!--Sie erinnern sich doch wohl so ohngefähr, wie
Sie Ihre Sachen zu Hause gelassen haben?
Adrast. Ich mag nichts wissen.
Johann. Ich sage Ihnen ja auch noch nichts.--Sie erinnern sich doch
wohl auch der Wechsel, die Sie an den Herrn Araspe vor Jahr und Tag
ausstellten?
Adrast. Schweig, ich mag nichts davon hören.
Johann. Ohne Zweifel, weil Sie sie vergessen wollen? Wenn sie nur
dadurch bezahlt würden.--Aber wissen Sie denn auch, daß sie verfallen
sind?
Adrast. Ich weiß, daß du dich nicht darum zu bekümmern hast.
Johann. Auch das verbeiße ich.--Sie denken freilich: Weit davon, ist
gut für den Schuß; und Herr Araspe hat eben nicht nötig, so sehr
dahinterher zu sein. Aber, was meinen Sie, wenn ich den Herrn Araspe--
Adrast. Nun was?
Johann. Jetzt den Augenblick vom Postwagen hätte steigen sehen?
Adrast. Was sagst du? Ich erstaune--
Johann. Das tat ich auch, als ich ihn sah.
Adrast. Du, Araspen gesehen? Araspen hier?
Johann. Mein Herr, ich habe mich auf den Fuß gesetzt, daß ich Ihre
und meine Schuldner gleich auf den ersten Blick erkenne; ja ich rieche
sie schon, wenn sie auch noch hundert Schritt von mir sind.
Adrast (nachdem er nachgedacht). Ich bin verloren!
Johann. Das war ja mein erstes Wort.
Adrast. Was ist anzufangen?
Johann. Das beste wird sein: wir packen auf, und ziehen weiter.
Adrast. Das ist unmöglich.
Johann. Nun so machen Sie sich gefaßt, zu bezahlen.
Adrast. Das kann ich nicht; die Summe ist zu groß.
Johann. Oh! ich sagte auch nur so.--Sie sinnen?
Adrast. Doch wer weiß auch, ob er ausdrücklich meinetwegen
hergekommen ist. Er kann andre Geschäfte haben.
Johann. Je nu! so wird er das Geschäfte mit Ihnen so beiher treiben.
Wir sind doch immer geklatscht.
Adrast. Du hast recht.--Ich möchte rasend werden, wenn ich an alle
die Streiche gedenke, die mir ein ungerechtes Schicksal zu spielen
nicht aufhört.--Doch wider wen murre ich? Wider ein taubes Ohngefähr?
Wider einen blinden Zufall, der uns ohne Absicht und ohne Vorsatz
schwerfällt? Ha! nichtswürdiges Leben!--
Johann. Oh! lassen Sie mir das Leben ungeschimpft. So einer
Kleinigkeit wegen sich mit ihm zu überwerfen, das wäre was Gescheutes!
Adrast. So rate mir doch, wenn du es für eine Kleinigkeit ansiehst.
Johann. Fällt Ihnen im Ernste kein Mittel ein?--Bald werde ich Sie
gar nicht mehr für den großen Geist halten, für den ich Sie doch immer
gehalten habe. Fortgehen wollen Sie nicht; bezahlen können Sie nicht:
was ist denn noch übrig?
Adrast. Mich ausklagen zu lassen.
Johann. O pfui! Worauf ich gleich zuerst fallen würde, wenn ich auch
bezahlen könnte--
Adrast. Und was ist denn das?
Johann. Schwören Sie den Bettel ab.
Adrast (mit einer bittern Verachtung). Schurke!
Johann. Wie? Was bin ich? So einen brüderlichen Rat--
Adrast. Ja wohl ein brüderlicher Rat, den du nur deinen Brüdern,
Leuten deinesgleichen, geben solltest.
Johann. Sind Sie Adrast? Ich habe Sie wohl niemals über das Schwören
spotten hören?
Adrast. Über das Schwören, als Schwören, nicht aber als eine bloße
Beteurung seines Wortes. Diese muß einem ehrlichen Manne heilig sein,
und wenn auch weder Gott noch Strafe ist. Ich würde mich ewig schämen,
meine Unterschrift geleugnet zu haben, und ohne Verachtung meiner
selbst, nie mehr meinen Namen schreiben können.
Johann. Aberglauben über Aberglauben. Zu einer Türe haben Sie ihn
herausgejagt, und zu der andern lassen Sie ihn wieder herein.
Adrast. Schweig! ich mag dein lästerliches Geschwätze nicht anhören.
Ich will Araspen aufsuchen. Ich will ihm Vorstellungen tun; ich will
ihm von meiner Heirat sagen; ich will ihm Zinsen über Zinsen
versprechen.--Ich treffe ihn doch wohl noch in dem Posthause?
Johann. Vielleicht.--Da geht er, der barmherzige Schlucker. Das Maul
ist groß genug an ihm; aber wenn es dazu kömmt, daß er das, was er
glaubt, mit Taten beweisen soll, da zittert das alte Weib! Wohl dem,
der nach seiner Überzeugung auch leben kann! So hat er doch noch
etwas davon. Ich sollte an seiner Stelle sein.--Doch ich muß nur
sehen, wo er bleibt.
(Ende des ersten Aufzugs.)


Zweiter Aufzug

Erster Auftritt
Juliane. Henriette. Lisette.

Lisette. Vor allen Dingen, meine lieben Mamsells, ehe ich Ihre kleine
Streitigkeit schlichte, lassen Sie uns ausmachen, welcher von Ihnen
ich heute zugehöre. Sie wissen wohl, Ihre Herrschaft über mich ist
umzechig. Denn weil es unmöglich sein soll, zweien Herren zu dienen,
So hat Ihr wohlweiser Papa--neigen Sie sich, Mamsells, neigen Sie sich!
--so hat, sage ich, Ihr wohlweiser Papa wohlbedächtig mich damit
verschonen wollen, das Unmögliche möglich zu machen. Er hat jede von
Ihnen einen Tag um den andern zu meiner hauptsächlichen Gebieterin
gemacht; so daß ich den einen Tag der sanften Juliane ehrbares Mädchen,
und den andern der muntern Henriette wilde Lisette sein muß. Aber
jetzt, seitdem die fremden Herren im Hause sind--
Henriette. Unsre Anbeter meinst du--
Lisette. Ja, ja! Ihre Anbeter, welche bald Ihre hochbefehlenden
Ehemänner sein werden--Seitdem, sage ich, diese im Hause sind, geht
alles drüber und drunter; ich werde aus einer Hand in die andere
geschmissen; und ach! unsere schöne Ordnung liegt mit dem Nähzeuge,
das Sie seit eben der Zeit nicht angesehen haben, unterm Nachttische.
Hervor wieder damit! Ich muß wissen, woran ich mit Ihnen bin, wenn
ich ein unparteiisches Urteil fällen soll.
Henriette. Das wollen wir bald ausrechnen.--Du besinnst dich doch
wohl auf den letzten Feiertag, da dich meine Schwester mit in die
Nachmittagspredigt schleppte, so gerne du auch mit mir auf unser
Vorwerk gefahren wärest? Du warst damals sehr strenge, Juliane!--
Juliane. Ich habe doch wohl nicht einer ehrlichen Seele einen
vergeblichen Weg nach ihr hinaus gemacht?
Henriette. Lisette--
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    Süzlärneñ gomumi sanı 4266
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1167
    44.2 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    57.1 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    64.2 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Der Freigeist - 4
    Süzlärneñ gomumi sanı 4229
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1132
    45.6 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    58.6 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    64.8 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Der Freigeist - 5
    Süzlärneñ gomumi sanı 4224
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 1128
    47.6 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    61.3 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    66.6 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.
  • Der Freigeist - 6
    Süzlärneñ gomumi sanı 382
    Unikal süzlärneñ gomumi sanı 211
    67.2 süzlär 2000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    73.2 süzlär 5000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    76.4 süzlär 8000 iñ yış oçrıy torgan süzlärgä kerä.
    Härber sızık iñ yış oçrıy torgan 1000 süzlärneñ protsentnı kürsätä.