Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 2

Totaal aantal woorden is 4273
Totaal aantal unieke woorden is 1518
41.8 van de woorden behoren tot de 2000 meest voorkomende woorden
56.8 van de woorden behoren tot de 5000 meest voorkomende woorden
62.7 van de woorden behoren tot de 8000 meest voorkomende woorden
Elke regel vertegenwoordigt het percentage woorden per 1000 meest voorkomende woorden.
ads place
jene Fußgänger, die auf dem Wege hinter den Fahrenden zurückgeblieben
waren. Sie erzählten, daß der Baron mit dem Pferde gestürzt sei, sich
am Fuße stark beschädigt habe und daß man auch sie, da sie im Schlosse
nachgefragt, mit Ungestüm hieher gewiesen habe.
Die ganze Gesellschaft war in der größten Verlegenheit; man
ratschlagte, was man tun sollte, und konnte keinen Entschluß fassen.
Endlich sah man von weitem eine Laterne kommen und holte frischen Atem;
allein die Hoffnung einer baldigen Erlösung verschwand auch wieder,
indem die Erscheinung näher kam und deutlich ward. Ein Reitknecht
leuchtete dem bekannten Stallmeister des Grafen vor, und dieser
erkundigte sich, als er näher kam, sehr eifrig nach Mademoiselle
Philinen. Sie war kaum aus dem übrigen Haufen hervorgetreten, als er
ihr sehr dringend anbot, sie in das neue Schloß zu führen, wo ein
Plätzchen für sie bei den Kammerjungfern der Gräfin bereitet sei. Sie
besann sich nicht lange, das Anerbieten dankbar zu ergreifen, faßte
ihn bei dem Arme und wollte, da sie den andern ihren Koffer empfohlen,
mit ihm forteilen; allein man trat ihnen in den Weg, fragte, bat,
beschwor den Stallmeister, daß er endlich, um nur mit seiner Schönen
loszukommen, alles versprach und versicherte, in kurzem solle das
Schloß eröffnet und sie auf das beste einquartiert werden. Bald
darauf sahen sie den Schein seiner Laterne verschwinden und hofften
lange vergebens auf das neue Licht, das ihnen endlich nach vielem
Warten, Schelten und Schmähen erschien und sie mit einigem Troste und
Hoffnung belebte.
Ein alter Hausknecht eröffnete die Türe des alten Gebäudes, in das sie
mit Gewalt eindrangen. Ein jeder sorgte nun für seine Sachen, sie
abzupacken, sie hereinzuschaffen. Das meiste war, wie die Personen
selbst, tüchtig durchweicht. Bei dem einen Lichte ging alles sehr
langsam. Im Gebäude stieß man sich, stolperte, fiel. Man bat um mehr
Lichter, man bat um Feuerung. Der einsilbige Hausknecht ließ mit
genauer Not seine Laterne da, ging und kam nicht wieder.
Nun fing man an, das Haus zu durchsuchen; die Türen aller Zimmer waren
offen, große öfen, gewirkte Tapeten, eingelegte Fußböden waren von
seiner vorigen Pracht noch übrig, von anderm Hausgeräte aber nichts zu
finden, kein Tisch, kein Stuhl, kein Spiegel, kaum einige ungeheuere
leere Bettstellen, alles Schmuckes und alles Notwendigen beraubt. Die
nassen Koffer und Mantelsäcke wurden zu Sitzen gewählt, ein Teil der
müden Wandrer bequemte sich auf dem Fußboden, Wilhelm hatte sich auf
einige Stufen gesetzt, Mignon lag auf seinen Knien; das Kind war
unruhig, und auf seine Frage, was ihm fehlte, antwortete es: "Mich
hungert!" Er fand nichts bei sich, um das Verlangen des Kindes zu
stillen, die übrige Gesellschaft hatte jeden Vorrat auch aufgezehrt,
und er mußte die arme Kreatur ohne Erquickung lassen. Er blieb bei
dem ganzen Vorfalle untätig, still in sich gekehrt: denn er war sehr
verdrießlich und grimmig, daß er nicht auf seinem Sinne bestanden und
bei dem Wirtshause abgestiegen sei, wenn er auch auf dem obersten
Boden hätte sein Lager nehmen sollen.
Die übrigen gebärdeten sich jeder nach seiner Art. Einige hatten
einen Haufen altes Gehölz in einen ungeheuren Kamin des Saals
geschafft und zündeten mit großem Jauchzen den Scheiterhaufen an.
Unglücklicherweise ward auch diese Hoffnung, sich zu trocknen und zu
wärmen, auf das schrecklichste getäuscht, denn dieser Kamin stand nur
zur Zierde da und war von oben herein vermauert; der Dampf trat
schnell zurück und erfüllte auf einmal die Zimmer; das dürre Holz
schlug prasselnd in Flammen auf, und auch die Flamme ward
herausgetrieben; der Zug, der durch die zerbrochenen Fensterscheiben
drang, gab ihr eine unstete Richtung, man fürchtete das Schloß
anzuzünden, mußte das Feuer auseinanderziehen, austreten, dämpfen, der
Rauch vermehrte sich, der Zustand wurde unerträglicher, man kam der
Verzweiflung nahe.
Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes Zimmer gewichen, wohin ihm
bald Mignon folgte und einen wohlgekleideten Bedienten, der eine hohe,
hellbrennende, doppelt erleuchtete Laterne trug, hereinführte; dieser
wendete sich an Wilhelmen, und indem er ihm auf einem schönen
porzellanenen Teller Konfekt und Früchte überreichte, sagte er: "Dies
schickt Ihnen das junge Frauenzimmer von drüben mit der Bitte, zur
Gesellschaft zu kommen; sie läßt sagen", setzte der Bediente mit einer
leichtfertigen Miene hinzu, "es geht ihr sehr wohl, und sie wünsche
ihre Zufriedenheit mit ihren Freunden zu teilen."
Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen Antrag, denn er hatte
Philinen seit dem Abenteuer der steinernen Bank mit entschiedener
Verachtung begegnet und war so fest entschlossen, keine Gemeinschaft
mehr mit ihr zu machen, daß er im Begriff stand, die süße Gabe wieder
zurückzuschicken, als ein bittender Blick Mignons ihn vermochte, sie
anzunehmen und im Namen des Kindes dafür zu danken; die Einladung
schlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, einige Sorge für die
angekommene Gesellschaft zu haben, und erkundigte sich nach dem Baron.
Dieser lag zu Bette, hatte aber schon, soviel der Bediente zu sagen
wußte, einem andern Auftrag gegeben, für die elend Beherbergten zu
sorgen.
Der Bediente ging und hinterließ Wilhelmen eins von seinen Lichtern,
das dieser in Ermanglung eines Leuchters auf das Fenstergesims kleben
mußte und nun wenigstens bei seinen Betrachtungen die vier Wände des
Zimmers erhellt sah. Denn es währte noch lange, ehe die Anstalten
rege wurden, die unsere Gäste zur Ruhe bringen sollten. Nach und nach
kamen Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann einige Stühle, eine
Stunde darauf Deckbetten, dann Kissen, alles wohl durchnetzt, und es
war schon weit über Mitternacht, als endlich Strohsäcke und Matratzen
herbeigeschafft wurden, die, wenn man sie zuerst gehabt hätte, höchst
willkommen gewesen wären.
In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen und Trinken angelangt,
das ohne viele Kritik genossen wurde, ob es gleich einem sehr
unordentlichen Abhub ähnlich sah und von der Achtung, die man für die
Gäste hatte, kein sonderliches Zeugnis ablegte.


III. Buch, 4. Kapitel


Viertes Kapitel
Durch die Unart und den übermut einiger leichtfertigen Gesellen
vermehrte sich die Unruhe und das übel der Nacht, indem sie sich
einander neckten, aufweckten und sich wechselsweise allerlei Streiche
spielten. Der andere Morgen brach an, unter lauten Klagen über ihren
Freund, den Baron, daß er sie so getäuscht und ihnen ein ganz anderes
Bild von der Ordnung und Bequemlichkeit, in die sie kommen würden,
gemacht habe. Doch zur Verwunderung und Trost erschien in aller Frühe
der Graf selbst mit einigen Bedienten und erkundigte sich nach ihren
Umständen. Er war sehr entrüstet, als er hörte, wie übel es ihnen
ergangen, und der Baron, der geführt herbeihinkte, verklagte den
Haushofmeister, wie befehlswidrig er sich bei dieser Gelegenheit
gezeigt, und glaubte ihm ein rechtes Bad angerichtet zu haben.
Der Graf befahl sogleich, daß alles in seiner Gegenwart zur
möglichsten Bequemlichkeit der Gäste geordnet werden solle. Darauf
kamen einige Offiziere, die von den Aktricen sogleich Kundschaft
nahmen, und der Graf ließ sich die ganze Gesellschaft vorstellen,
redete einen jeden bei seinem Namen an und mischte einige Scherze in
die Unterredung, daß alle über einen so gnädigen Herrn ganz entzückt
waren. Endlich mußte Wilhelm auch an die Reihe, an den sich Mignon
anhing. Wilhelm entschuldigte sich, so gut er konnte, über seine
Freiheit, der Graf hingegen schien seine Gegenwart als bekannt
anzunehmen.
Ein Herr, der neben dem Grafen stand, den man für einen Offizier hielt,
ob er gleich keine Uniform anhatte, sprach besonders mit unserm
Freunde und zeichnete sich vor allen andern aus. Große, hellblaue
Augen leuchteten unter einer hohen Stirne hervor, nachlässig waren
seine blonden Haare aufgeschlagen, und seine mittlere Statur zeigte
ein sehr wackres, festes und bestimmtes Wesen. Seine Fragen waren
lebhaft, und er schien sich auf alles zu verstehen, wonach er fragte.
Wilhelm erkundigte sich nach diesem Manne bei dem Baron, der aber
nicht viel Gutes von ihm zu sagen wußte. Er habe den Charakter als
Major, sei eigentlich der Günstling des Prinzen, versehe dessen
geheimste Geschäfte und werde für dessen rechten Arm gehalten, ja man
habe Ursache zu glauben, er sei sein natürlicher Sohn. In Frankreich,
England, Italien sei er mit Gesandtschaften gewesen, er werde überall
sehr distinguiert, und das mache ihn einbildisch; er wähne, die
deutsche Literatur aus dem Grunde zu kennen, und erlaube sich allerlei
schale Spöttereien gegen dieselbe. Er, der Baron, vermeide alle
Unterredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl tun, sich auch von ihm
entfernt zu halten, denn am Ende gebe er jedermann etwas ab. Man
nenne ihn Jarno, wisse aber nicht recht, was man aus dem Namen machen
solle.
Wilhelm hatte darauf nichts zu sagen, denn er empfand gegen den
Fremden, ob er gleich etwas Kaltes und Abstoßendes hatte, eine gewisse
Neigung.
Die Gesellschaft wurde in dem Schlosse eingeteilt, und Melina befahl
sehr strenge, sie sollten sich nunmehr ordentlich halten, die Frauen
sollten besonders wohnen und jeder nur auf seine Rollen, auf die Kunst
sein Augenmerk und seine Neigung richten. Er schlug Vorschriften und
Gesetze, die aus vielen Punkten bestanden, an alle Türen. Die Summe
der Strafgelder war bestimmt, die ein jeder übertreter in eine gemeine
Büchse entrichten sollte.
Diese Verordnungen wurden wenig geachtet. Junge Offiziere gingen aus
und ein, spaßten nicht eben auf das feinste mit den Aktricen, hatten
die Akteure zum besten und vernichteten die ganze kleine
Polizeiordnung, noch ehe sie Wurzel fassen konnte. Man jagte sich
durch die Zimmer, verkleidete sich, versteckte sich. Melina, der
anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerlei Mutwillen auf
das äußerste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen ließ, um
den Platz zu sehen, wo das Theater aufgerichtet werden sollte, ward
das übel nur immer ärger. Die jungen Herren ersannen sich allerlei
platte Späße, durch Hülfe einiger Akteure wurden sie noch plumper, und
es schien, als wenn das ganze alte Schloß vom wütenden Heere besessen
sei; auch endigte der Unfug nicht eher, als bis man zur Tafel ging.
Der Graf hatte Melinan in einen großen Saal geführt, der noch zum
alten Schlosse gehörte, durch eine Galerie mit dem neuen verbunden war
und worin ein kleines Theater sehr wohl aufgestellt werden konnte.
Daselbst zeigte der einsichtsvolle Hausherr, wie er alles wolle
eingerichtet haben.
Nun ward die Arbeit in großer Eile vorgenommen, das Theatergerüste
aufgeschlagen und ausgeziert, was man von Dekorationen in dem Gepäcke
hatte und brauchen konnte, angewendet und das übrige mit Hülfe einiger
geschickten Leute des Grafen verfertiget. Wilhelm griff selbst mit an,
half die Perspektive bestimmen, die Umrisse abschnüren und war höchst
beschäftigt, daß es nicht unschicklich werden sollte. Der Graf, der
öfters dazukam, war sehr zufrieden damit, zeigte, wie sie das, was sie
wirklich taten, eigentlich machen sollten, und ließ dabei ungemeine
Kenntnisse jeder Kunst sehen.
Nun fing das Probieren recht ernstlich an, wozu sie auch Raum und Muße
genug gehabt hätten, wenn sie nicht von den vielen anwesenden Fremden
immer gestört worden wären. Denn es kamen täglich neue Gäste an, und
ein jeder wollte die Gesellschaft in Augenschein nehmen.


III. Buch, 5. Kapitel


Fünftes Kapitel
Der Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten,
daß er der Gräfin noch besonders vorgestellt werden sollte. "Ich
habe", sagte er, "dieser vortrefflichen Dame so viel von Ihren
geistreichen und empfindungsvollen Stücken erzählt, daß sie nicht
erwarten kann, Sie zu sprechen und sich eins und das andere vorlesen
zu lassen. Halten Sie sich ja gefaßt, auf den ersten Wink
hinüberzukommen, denn bei dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie gewiß
gerufen werden." Er bezeichnete ihm darauf das Nachspiel, welches er
zuerst vorlesen sollte, wodurch er sich ganz besonders empfehlen würde.
Die Dame bedaure gar sehr, daß er zu einer solchen unruhigen Zeit
eingetroffen sei und sich mit der übrigen Gesellschaft in dem alten
Schlosse schlecht behelfen müsse.
Mit großer Sorgfalt nahm darauf Wilhelm das Stück vor, womit er seinen
Eintritt in die große Welt machen sollte. "Du hast", sagte er,
"bisher im stillen für dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden
Beifall erhalten; du hast eine Zeitlang ganz an deinem Talente
verzweifelt, und du mußt immer noch in Sorgen sein, ob du denn auch
auf dem rechten Wege bist und ob du soviel Talent als Neigung zum
Theater hast. Vor den Ohren solcher geübten Kenner, im Kabinette, wo
keine Illusion stattfindet, ist der Versuch weit gefährlicher als
anderwärts, und ich möchte doch auch nicht gerne zurückbleiben, diesen
Genuß an meine vorigen Freuden knüpfen und die Hoffnung auf die
Zukunft erweitern."
Er nahm darauf einige Stücke durch, las sie mit der größten
Aufmerksamkeit, korrigierte hier und da, rezitierte sie sich laut vor,
um auch in Sprache und Ausdruck recht gewandt zu sein, und steckte
dasjenige, welches er am meisten geübt, womit er die größte Ehre
einzulegen glaubte, in die Tasche, als er an einem Morgen hinüber vor
die Gräfin gefordert wurde.
Der Baron hatte ihm versichert, sie würde allein mit einer guten
Freundin sein. Als er in das Zimmer trat, kam die Baronesse von C***
ihm mit vieler Freundlichkeit entgegen, freute sich, seine
Bekanntschaft zu machen, und präsentierte ihn der Gräfin, die sich
eben frisieren ließ und ihn mit freundlichen Worten und Blicken
empfing, neben deren Stuhl er aber leider Philinen knien und allerlei
Torheiten machen sah. "Das schöne Kind", sagte die Baronesse, "hat
uns verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene
Liedchen, damit wir nichts davon verlieren."
Wilhelm hörte das Stückchen mit großer Geduld an, indem er die
Entfernung des Friseurs wünschte, ehe er seine Vorlesung anfangen
wollte. Man bot ihm eine Tasse Schokolade an, wozu ihm die Baronesse
selbst den Zwieback reichte. Dessenungeachtet schmeckte ihm das
Frühstück nicht, denn er wünschte zu lebhaft, der schönen Gräfin
irgend etwas vorzutragen, was sie interessieren, wodurch er ihr
gefallen könnte. Auch Philine war ihm nur zu sehr im Wege, die ihm
als Zuhörerin oft schon unbequem gewesen war. Er sah mit Schmerzen
dem Friseur auf die Hände und hoffte in jedem Augenblicke mehr auf die
Vollendung des Baues.
Indessen war der Graf hereingetreten und erzählte von den heut zu
erwartenden Gästen, von der Einteilung des Tages, und was sonst etwa
Häusliches vorkommen möchte. Da er hinausging, ließen einige
Offiziere bei der Gräfin um die Erlaubnis bitten, ihr, weil sie noch
vor Tafel wegreisen müßten, aufwarten zu dürfen. Der Kammerdiener war
indessen fertig geworden, und sie ließ die Herren hereinkommen.
Die Baronesse gab sich inzwischen Mühe, unsern Freund zu unterhalten
und ihm viele Achtung zu bezeigen, die er mit Ehrfurcht, obgleich
etwas zerstreut, aufnahm. Er fühlte manchmal nach dem Manuskripte in
der Tasche, hoffte auf jeden Augenblick, und fast wollte seine Geduld
reißen, als ein Galanteriehändler hereingelassen wurde, der seine
Pappen, Kasten, Schachteln unbarmherzig eine nach der andern eröffnete
und jede Sorte seiner Waren mit einer diesem Geschlechte eigenen
Zudringlichkeit vorwies.
Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Baronesse sah Wilhelmen an und
sprach leise mit der Gräfin; er bemerkte es, ohne die Absicht zu
verstehen, die ihm endlich zu Hause klar wurde, als er sich nach einer
ängstlich und vergebens durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein
schönes englisches Portefeuille in der Tasche. Die Baronesse hatte es
ihm heimlich beizustecken gewußt, und gleich darauf folgte der Gräfin
kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste überbrachte, ohne
recht deutlich zu sagen, woher sie komme.


III. Buch, 6. Kapitel


Sechstes Kapitel
Das Gemisch der Empfindungen von Verdruß und Dankbarkeit verdarb ihm
den ganzen Rest des Tages, bis er gegen Abend wieder Beschäftigung
fand, indem Melina ihm eröffnete, der Graf habe von einem Vorspiele
gesprochen, das dem Prinzen zu Ehren den Tag seiner Ankunft aufgeführt
werden sollte. Er wolle darin die Eigenschaften dieses großen Helden
und Menschenfreundes personifizieret haben. Diese Tugenden sollten
miteinander auftreten, sein Lob verkündigen und zuletzt seine Büste
mit Blumen- und Lorbeerkränzen umwinden, wobei sein verzogener Name
mit dem Fürstenhute durchscheinend glänzen sollte. Der Graf habe ihm
aufgegeben, für die Versifikation und übrige Einrichtung dieses
Stückes zu sorgen, und er hoffe, daß ihm Wilhelm, dem es etwas
Leichtes sei, hierin gerne beistehen werde.
"Wie!" rief dieser verdrießlich aus, "haben wir nichts als Porträte,
verzogene Namen und allegorische Figuren, um einen Fürsten zu ehren,
der nach meiner Meinung ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es
einem vernünftigen Manne schmeicheln, sich in effigie aufgestellt und
seinen Namen auf geöltem Papiere schimmern zu sehen! Ich fürchte sehr,
die Allegorien würden, besonders bei unserer Garderobe, zu manchen
Zweideutigkeiten und Späßen Anlaß geben. Wollen Sie das Stück machen
oder machen lassen, so kann ich nichts dawider haben, nur bitte ich,
daß ich damit verschont bleibe."
Melina entschuldigte sich, es sei nur die ungefähre Angabe des Herrn
Grafen, der ihnen übrigens ganz überlasse, wie sie das Stück
arrangieren wollten. "Herzlich gerne", versetzte Wilhelm, "trage ich
etwas zum Vergnügen dieser vortrefflichen Herrschaft bei, und meine
Muse hat noch kein so angenehmes Geschäfte gehabt, als zum Lob eines
Fürsten, der so viel Verehrung verdient, auch nur stammelnd sich hören
zu lassen. Ich will der Sache nachdenken, vielleicht gelingt es mir,
unsre kleine Truppe so zu stellen, daß wir doch wenigstens einigen
Effekt machen."
Von diesem Augenblicke sann Wilhelm eifrig dem Auftrage nach. Ehe er
einschlief, hatte er alles schon ziemlich geordnet, und den andern
Morgen bei früher Zeit war der Plan fertig, die Szenen entworfen, ja
schon einige der vornehmsten Stellen und Gesänge in Verse und zu
Papiere gebracht.
Wilhelm eilte morgens gleich, den Baron wegen gewisser Umstände zu
sprechen, und legte ihm seinen Plan vor. Diesem gefiel er sehr wohl,
doch bezeigte er einige Verwunderung. Denn er hatte den Grafen
gestern abend von einem ganz andern Stücke sprechen hören, welches
nach seiner Angabe in Verse gebracht werden sollte.
"Es ist mir nicht wahrscheinlich", versetzte Wilhelm, "daß es die
Absicht des Herrn Grafen gewesen sei, gerade das Stück, so wie er es
Melinan angegeben, fertigen zu lassen: wenn ich nicht irre, so wollte
er uns bloß durch einen Fingerzeig auf den rechten Weg weisen. Der
Liebhaber und Kenner zeigt dem Künstler an, was er wünscht, und
überläßt ihm alsdann die Sorge, das Werk hervorzubringen."
"Mitnichten", versetzte der Baron; "der Herr Graf verläßt sich darauf,
daß das Stück so und nicht anders, wie er es angegeben, aufgeführt
werde. Das Ihrige hat freilich eine entfernte ähnlichkeit mit seiner
Idee, und wenn wir es durchsetzen und ihn von seinen ersten Gedanken
abbringen wollen, so müssen wir es durch die Damen bewirken.
Vorzüglich weiß die Baronesse dergleichen Operationen meisterhaft
anzulegen; es wird die Frage sein, ob ihr der Plan so gefällt, daß sie
sich der Sache annehmen mag, und dann wird es gewiß gehen."
"Wir brauchen ohnedies die Hülfe der Damen", sagte Wilhelm, "denn es
möchte unser Personal und unsere Garderobe zu der Ausführung nicht
hinreichen. Ich habe auf einige hübsche Kinder gerechnet, die im
Hause hin und wider laufen und die dem Kammerdiener und dem
Haushofmeister zugehören."
Darauf ersuchte er den Baron, die Damen mit seinem Plane bekannt zu
machen. Dieser kam bald zurück und brachte die Nachricht, sie wollten
ihn selbst sprechen. Heute abend, wenn die Herren sich zum Spiele
setzten, das ohnedies wegen der Ankunft eines gewissen Generals
ernsthafter werden würde als gewöhnlich, wollten sie sich unter dem
Vorwande einer Unpäßlichkeit in ihr Zimmer zurückziehen, er sollte
durch die geheime Treppe eingeführt werden und könne alsdann seine
Sache auf das beste vortragen. Diese Art von Geheimnis gebe der
Angelegenheit nunmehr einen doppelten Reiz, und die Baronesse
besonders freue sich wie ein Kind auf dieses Rendezvous und mehr noch
darauf, daß es heimlich und geschickt gegen den Willen des Grafen
unternommen werden sollte.
Gegen Abend um die bestimmte Zeit ward Wilhelm abgeholt und mit
Vorsicht hinaufgeführt. Die Art, mit der ihm die Baronesse in einem
kleinen Kabinette entgegenkam, erinnerte ihn einen Augenblick an
vorige glückliche Zeiten. Sie brachte ihn in das Zimmer der Gräfin,
und nun ging es an ein Fragen, an ein Untersuchen. Er legte seinen
Plan mit der möglichsten Wärme und Lebhaftigkeit vor, so daß die Damen
dafür ganz eingenommen wurden, und unsere Leser werden erlauben, daß
wir sie auch in der Kürze damit bekannt machen.
In einer ländlichen Szene sollten Kinder das Stück mit einem Tanze
eröffnen, der jenes Spiel vorstellte, wo eins herumgehen und dem
andern einen Platz abgewinnen muß. Darauf sollten sie mit andern
Scherzen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden
Reihentanze ein fröhliches Lied singen. Darauf sollte der Harfner mit
Mignon herbeikommen, Neugierde erregen und mehrere Landleute
herbeilocken; der Alte sollte verschiedene Lieder zum Lobe des
Friedens, der Ruhe, der Freude singen und Mignon darauf den Eiertanz
tanzen.
In dieser unschuldigen Freude werden sie durch eine kriegerische Musik
gestört und die Gesellschaft von einem Trupp Soldaten überfallen. Die
Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden überwunden, die Mädchen
fliehen und werden eingeholt. Es scheint alles im Getümmel zugrunde
zu gehen, als eine Person, über deren Bestimmung der Dichter noch
ungewiß war, herbeikommt und durch die Nachricht, daß der Heerführer
nicht weit sei, die Ruhe wiederherstellt. Hier wird der Charakter des
Helden mit den schönsten Zügen geschildert, mitten unter den Waffen
Sicherheit versprochen, dem übermut und der Gewalttätigkeit Schranken
gesetzt. Es wird ein allgemeines Fest zu Ehren des großmütigen
Heerführers begangen.
Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden, nur behaupteten sie, es
müsse notwendig etwas Allegorisches in dem Stücke sein, um es dem
Herrn Grafen angenehm zu machen. Der Baron tat den Vorschlag, den
Anführer der Soldaten als den Genius der Zwietracht und der
Gewalttätigkeit zu bezeichnen; zuletzt aber müsse Minerva herbeikommen,
ihm Fesseln anzulegen, Nachricht von der Ankunft des Helden zu geben
und dessen Lob zu preisen. Die Baronesse übernahm das Geschäft, den
Grafen zu überzeugen, daß der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger
Veränderung, ausgeführt worden sei; dabei verlangte sie ausdrücklich,
daß am Ende des Stücks notwendig die Büste, der verzogene Namen und
der Fürstenhut erscheinen mußten, weil sonst alle Unterhandlung
vergeblich sein würde.
Wilhelm, der sich schon im Geiste vorgestellt hatte, wie fein er
seinen Helden aus dem Munde der Minerva preisen wollte, gab nur nach
langem Widerstande in diesem Punkte nach, allein er fühlte sich auf
eine sehr angenehme Weise gezwungen. Die schönen Augen der Gräfin und
ihr liebenswürdiges Betragen hätten ihn gar leicht bewogen, auch auf
die schönste und angenehmste Erfindung, auf die so erwünschte Einheit
einer Komposition und auf alle schicklichen Details Verzicht zu tun
und gegen sein poetisches Gewissen zu handeln. Ebenso stand auch
seinem bürgerlichen Gewissen ein harter Kampf bevor, indem bei
bestimmterer Austeilung der Rollen die Damen ausdrücklich darauf
bestanden, daß er mitspielen müsse.
Laertes hatte zu seinem Teil jenen gewalttätigen Kriegsgott erhalten.
Wilhelm sollte den Anführer der Landleute vorstellen, der einige sehr
artige und gefühlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich eine
Zeitlang gesträubt, mußte er sich endlich doch ergeben; besonders fand
er keine Entschuldigung, da die Baronesse ihm vorstellte, die
Schaubühne hier auf dem Schlosse sei ohnedem nur als ein
Gesellschaftstheater anzusehen, auf dem sie gern, wenn man nur eine
schickliche Einleitung machen könnte, mitzuspielen wünschte. Darauf
entließen die Damen unsern Freund mit vieler Freundlichkeit. Die
Baronesse versicherte ihm, daß er ein unvergleichlicher Mensch sei,
und begleitete ihn bis an die kleine Treppe, wo sie ihm mit einem
Händedruck gute Nacht gab.


III. Buch, 7. Kapitel


Siebentes Kapitel
Befeuert durch den aufrichtigen Anteil, den die Frauenzimmer an der
Sache nahmen, ward der Plan, der ihm durch die Erzählung gegenwärtiger
geworden war, ganz lebendig. Er brachte den größten Teil der Nacht
und den andern Morgen mit der sorgfältigsten Versifikation des Dialogs
und der Lieder zu.
Er war so ziemlich fertig, als er in das neue Schloß gerufen wurde, wo
er hörte, daß die Herrschaft, die eben frühstückte, ihn sprechen
wollte. Er trat in den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst
entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn sie ihm einen guten Morgen
bieten wollte, lispelte sie heimlich zu ihm: "Sagen Sie nichts von
Ihrem Stücke, als was Sie gefragt werden."
"Ich höre", rief ihm der Graf zu, "Sie sind recht fleißig und arbeiten
an meinem Vorspiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich
billige, daß Sie eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke
beizeiten darauf, wie die Göttin zu kleiden ist, damit man nicht gegen
das Kostüm verstößt. Ich lasse deswegen aus meiner Bibliothek alle
Bücher herbeibringen, worin sich das Bild derselben befindet."
In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten mit großen Körben voll
Bücher allerlei Formats in den Saal.
Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, Gemmen und Münzen, alle
Arten mythologischer Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren
verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen
vortreffliches Gedächtnis stellte ihm alle Minerven vor, die etwa noch
auf Titelkupfern, Vignetten oder sonst vorkommen mochten. Es mußte
deshalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek herbeigeschafft
werden, so daß der Graf zuletzt in einem Haufen von Büchern saß.
Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus:
"Ich wollte wetten, daß nun keine Minerva mehr in der ganzen
Bibliothek sei, und es möchte wohl das erste Mal vorkommen, daß eine
Büchersammlung so ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgöttin entbehren
muß."
Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, und besonders
Jarno, der den Grafen immer mehr Bücher herbeizuschaffen gereizt hatte,
lachte ganz unmäßig.
"Nunmehr", sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelm wendete, "ist es
eine Hauptsache, welche Göttin meinen Sie? Minerva oder Pallas? die
Göttin des Krieges oder der Künste?"
"Sollte es nicht am schicklichsten sein, Euer Exzellenz", versetzte
Wilhelm, "wenn man hierüber sich nicht bestimmt ausdrückte und sie,
eben weil sie in der Mythologie eine doppelte Person spielt, auch hier
in doppelter Qualität erscheinen ließe? Sie meldet einen Krieger an,
aber nur, um das Volk zu beruhigen, sie preist einen Helden, indem sie
seine Menschlichkeit erhebt, sie überwindet die Gewalttätigkeit und
stellt die Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her."
Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm möchte sich verraten, schob
geschwinde den Leibschneider der Gräfin dazwischen, der seine Meinung
abgeben mußte, wie ein solcher antiker Rock auf das beste gefertiget
werden könnte. Dieser Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wußte die
Sache sehr leicht zu machen, und da Madame Melina ungeachtet ihrer
hohen Schwangerschaft die Rolle der himmlischen Jungfrau übernommen
hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Maß zu nehmen, und die Gräfin
bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die
Je hebt 1 tekst gelezen van Duits literatuur.
Volgende - Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 3
  • Onderdelen
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 1
    Totaal aantal woorden is 4266
    Totaal aantal unieke woorden is 1538
    42.1 van de woorden behoren tot de 2000 meest voorkomende woorden
    57.2 van de woorden behoren tot de 5000 meest voorkomende woorden
    63.3 van de woorden behoren tot de 8000 meest voorkomende woorden
    Elke regel vertegenwoordigt het percentage woorden per 1000 meest voorkomende woorden.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 2
    Totaal aantal woorden is 4273
    Totaal aantal unieke woorden is 1518
    41.8 van de woorden behoren tot de 2000 meest voorkomende woorden
    56.8 van de woorden behoren tot de 5000 meest voorkomende woorden
    62.7 van de woorden behoren tot de 8000 meest voorkomende woorden
    Elke regel vertegenwoordigt het percentage woorden per 1000 meest voorkomende woorden.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 3
    Totaal aantal woorden is 4305
    Totaal aantal unieke woorden is 1564
    42.2 van de woorden behoren tot de 2000 meest voorkomende woorden
    56.8 van de woorden behoren tot de 5000 meest voorkomende woorden
    62.4 van de woorden behoren tot de 8000 meest voorkomende woorden
    Elke regel vertegenwoordigt het percentage woorden per 1000 meest voorkomende woorden.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 4
    Totaal aantal woorden is 4323
    Totaal aantal unieke woorden is 1497
    41.6 van de woorden behoren tot de 2000 meest voorkomende woorden
    56.5 van de woorden behoren tot de 5000 meest voorkomende woorden
    63.1 van de woorden behoren tot de 8000 meest voorkomende woorden
    Elke regel vertegenwoordigt het percentage woorden per 1000 meest voorkomende woorden.
  • Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 - 5
    Totaal aantal woorden is 1083
    Totaal aantal unieke woorden is 506
    54.1 van de woorden behoren tot de 2000 meest voorkomende woorden
    66.6 van de woorden behoren tot de 5000 meest voorkomende woorden
    71.3 van de woorden behoren tot de 8000 meest voorkomende woorden
    Elke regel vertegenwoordigt het percentage woorden per 1000 meest voorkomende woorden.