Kampagne in Frankreich - 02

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eigentlichen Vortrab der Hauptarmee machte. Der Rittmeister, ein
gesetzter Mann, schon über die mittleren Jahre, schien unsere Ankunft
nicht gerne zu sehen. Die strengste Aufmerksamkeit war ihm empfohlen:
alles sollte mit Vorsicht geschehen, jede unangenehme Zufälligkeit
klüglich beseitigt werden. Er hatte seine Leute kunstmäßig verteilt,
sie rückten einzeln vor in gewissen Entfernungen, und alles begab
sich in der größten Ordnung und Ruhe. Menschenleer war die Gegend,
die äußerste Einsamkeit ahnungsvoll. So waren wir, Hügel auf Hügel
ab, über Mangiennes, Damvillers, Wawrille und Ormont gekommen, als
auf einer Höhe, die eine schöne Aussicht gewährte, rechts in den
Weinbergen ein Schuss fiel, worauf die Husaren sogleich zufuhren, die
nächste Umgebung zu untersuchen. Sie brachten auch wirklich einen
schwarzhaarigen, bärtigen Mann herbei, der ziemlich wild aussah und
bei dem man ein schlechtes Terzerol gefunden hatte. Er sagte trotzig,
dass er die Vögel aus seinem Weinberg verscheuche und niemand etwas
zuleide tue. Der Rittmeister schien, bei stiller Überlegung, diesen
Fall mit seinen gemessenen Orders zusammenzuhalten und entließ den
bedrohten Gefangenen mit einigen Hieben, die der Kerl so eilig mit
auf den Weg nahm, dass man ihm seinen Hut mit großem Lustgeschrei
nachwarf, den er aber aufzunehmen keinen Beruf empfand.
Der Zug ging weiter, wir unterhielten uns über die Vorkommenheiten
und über manches, was zu erwarten sein möchte. Nun ist zu
bemerken, dass unsere kleine Gesellschaft, wie sie sich den
Husaren aufgedrungen hatte, zufällig zusammengekommen, aus den
verschiedensten Elementen bestand; meistens waren es gradsinnige,
jeder nach seiner Weise dem Augenblick gewidmete Menschen. Einen
jedoch muss ich besonders auszeichnen, einen ernsten, sehr achtbaren
Mann von der Art, wie sie zu jener Zeit unter den preußischen
Kriegsleuten öfter vorkamen, mehr ästhetisch als philosophisch
gebildet, ernst mit einem gewissen hypochondrischen Zug, still in
sich gekehrt und zum Wohltun mit zarter Leidenschaft aufgelegt.
Als wir so weiter vor uns hinrückten, trafen wir auf eine so seltsame
als angenehme Erscheinung, die eine allgemeine Teilnahme erregte.
Zwei Husaren brachten ein einspänniges zweirädriges Wägelchen
den Berg herauf, und als wir uns erkundigten, was unter der
übergespannten Leinwand wohl befindlich sein möchte, so fand sich
ein Knabe von etwa zwölf Jahren, der das Pferd lenkte, und ein
wunderschönes Mädchen oder Weibchen, das sich aus der Ecke
hervorbeugte, um die vielen Reiter anzusehen, die ihren zweirädrigen
Schirm umzingelten. Niemand blieb ohne Teilnahme, aber die eigentlich
tätige Wirkung für die Schöne mussten wir unserm empfindenden Freund
überlassen, der von dem Augenblick an, als er das bedürftige Fuhrwerk
näher betrachtet, sich zur Rettung unaufhaltsam hingedrängt fühlte.
Wir traten in den Hintergrund; er aber fragte genau nach allen
Umständen, und es fand sich, dass die junge Person, in Samogneux
wohnhaft, dem bevorstehenden Bedrängnis seitwärts zu entfernteren
Freunden auszuweichen willens, sich eben der Gefahr in den Rachen
geflüchtet habe; wie in solchen ängstlichen Fällen der Mensch wähnt,
es sei überall besser als da, wo er ist. Einstimmig ward ihr nun auf
das freundlichste begreiflich gemacht, dass sie zurückkehren müsse.
Auch unser Anführer, der Rittmeister, der zuerst eine Spionerei hier
wittern wollte, ließ sich endlich durch die herzliche Rhetorik des
sittlichen Mannes überreden, der sie denn auch, zwei Husaren an der
Seite, bis an ihren Wohnort einigermaßen getröstet zurückgebrachte,
woselbst sie uns, die wir in bester Ordnung und Mannszucht bald
nachher durchzogen, auf einem Mäuerchen unter den Ihrigen stehend,
freundlich und, weil das erste Abenteuer so gut gelungen war,
hoffnungsvoll begrüßte.
Es gibt dergleichen Pausen mitten in den Kriegszügen, wo man durch
augenblickliche Mannszucht sich Kredit zu verschaffen sucht und eine
Art von gesetzlichem Frieden mitten in der Verwirrung beordert. Diese
Momente sind köstlich für Bürger und Bauern und für jeden, dem das
dauernde Kriegsunheil noch nicht allen Glauben an Menschlichkeit
geraubt hat.
Ein Lager diesseits Verdun wird aufgeschlagen, und man zählt auf
einige Tage Rast.
Den 31. morgens war ich im Schlafwagen, gewiss der trockensten,
wärmsten und erfreulichsten Lagerstätte, halb erwacht, als ich etwas
an den Ledervorhängen ruaschen hörte und bei Eröffnung derselben den
Herzog von Weimar erblickte, der mir einen unerwarteten Fremden
vorstellte. Ich erkannte sogleich den abenteuerlichen Grothaus,
der, seine Parteigängerrolle auch hier zu spielen nicht abgeneigt,
angelangt war, um den bedenklichen Auftrag der Aufforderung Verduns
zu übernehmen. In Gefolg dessen war er gekommen, unsern fürstlichen
Anführer um einen Stabstrompeter zu ersuchen, welcher, einer solchen
besondern Auszeichnung sich erfreuend, alsobald zu dem Geschäft
beordert wurde. Wir begrüßten uns, alter Wunderlichkeiten eingedenk,
auf das heiterste, und Grothaus eilte zu seinem Geschäft; worüber
denn, als es vollbracht war, gar mancher Scherz getrieben wurde. Man
erzählte sich, wie er, den Trompeter voraus, den Husaren hinterdrein,
die Fahrstraße hinab geritten, die Verduner aber als Sansculotten,
das Völkerrecht nicht kennend oder verachtend, auf ihn kanoniert;
wie er ein weißes Schnupftuch an die Trompete befestigt und immer
heftiger zu blasen befohlen; wie er, von einem Kommando eingeholt und
mit verbundenen Augen allein in die Festung geführt, alldort schöne
Reden gehalten, aber nichts bewirkt -- und was dergleichen mehr war,
wodurch man denn nach Weltart den geleisteten Dienst zu verkleinern
und dem Unternehmenden die Ehre zu verkümmern wusste.
Als nun die Festung, wie natürlich, auf die erste Forderung, sich zu
ergeben, abgeschlagen, musste man mit Anstalten zum Bombardement
vorschreiten. Der Tag ging hin, indessen besorgt' ich noch ein
kleines Geschäft, dessen gute Folgen sich mir bis auf den heutigen
Tag erstrecken. In Mainz hatte mich Herr von Stein mit dem
Jägerischen Atlas versorgt, welcher den gegenwärtigen, hoffentlich
auch den nächstkünftigen Kriegsschauplatz in mehreren Blättern
darstellte. Ich nahm das eine hervor, das achtundvierzigste, in
dessen Bezirk ich bei Longwy herein getreten war, und da unter des
Herzogs Leuten sich gerade ein Boßler befand, so ward es zerschnitten
und aufgezogen und dient mir noch zur Wiedererinnerung jener für die
Welt und mich so bedeutenden Tage.
Nach solchen Vorbereitungen zum künftigen Nutzen und augenblicklicher
Bequemlichkeit sah ich mich um auf der Wiese, wo wir lagerten und von
wo sich die Zelte bis auf die Hügel erstreckten. Auf dem großen,
grünen, ausgebreiteten Teppich zog ein wunderliches Schauspiel meine
Aufmerksamkeit an sich: eine Anzahl Soldaten hatten sich in einen
Kreis gesetzt und hantierten etwas innerhalb desselben. Bei näherer
Untersuchung fand ich sie um einen trichterförmigen Erdfall gelagert,
der, von dem reinsten Quellwasser gefüllt, oben etwa dreißig Fuß im
Durchmesser haben konnte. Nun waren es unzählige kleine Fischchen,
nach denen die Kriegsleute angelten, wozu sie das Gerät neben ihrem
übrigen Gepäck mitgebracht hatten. Das Wasser war das klarste von der
Welt, und die Jagd lustig genug anzusehen. Ich hatte jedoch nicht
lange diesem Spiel zugeschaut, als ich bemerkte, dass die Fischlein,
indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten. Im ersten
Augenblick hielt ich diese Erscheinung für Wechselfarben der
beweglichen Körperchen, doch blad eröffnete sich mir eine willkommene
Aufklärung. Eine Scherbe Steingut war in den Trichter gefallen.
Welche mir aus der Tiefe herauf die schönsten prismatischen Farben
gewährte. Heller als der Grund, dem Auge entgegen gehoben, zeigte sie
an dem von mir abstehenden Rand die Blau- und Violettfarbe, an dem
mir zugekehrten Rande dagegen die rote und gelbe. Als ich mich darauf
um die Quelle ringsum bewegte, folgte mir, wie natürlich bei einem
solchen subjektiven Versuche, das Phänomen, und die Farben
erschienen, bezüglich auf mich, immer dieselbigen.
Leidenschaftlich ohnehin mit diesen Gegenständen beschäftigt, machte
mir's die größte Freude, dasjenige hier unter freiem Himmel so frisch
und natürlich zu sehen, weshalb sich die Lehrer der Physik schon fast
hundert Jahre mit ihren Schülern in eine dunkle Kammer einzusperren
pflegten. Ich verschaffte mir noch einige Scherbenstücke, die ich
hineinwarf, und konnte gar wohl bemerken, dass die Erscheinung unter
der Oberfläche des Wassers sehr bald anfing, beim Hinabsinken immer
zunahm, und zuletzt ein kleiner weißer Körper, ganz überfärbt, in
Gestalt eines Flämmchens am Boden anlangte. Dabei erinnerte ich mich,
dass Agricola schon dieser Erscheinung gedacht und sie unter die
feurigen Phänomene zu rechnen sich bewogen gesehen.
Nach Tisch ritten wir auf den Hügel, der unseren Zelten die Ansicht
von Verdun verbarg. Wir fanden die Lage der Stadt als einer solchen
sehr angenehm, von Wiesen, Gärten umgeben, in einer heitern Fläche,
von der Maas in mehreren Ästen durchströmt, zwischen näheren und
ferneren Hügeln; als Festung freilich einem Bombardement von allen
Seiten ausgesetzt. Der Nachmittag ging hin mit Errichtung der
Batterien, da die Stadt sich zu ergeben geweigert hatte. Mit guten
Ferngläsern beschauten wir indessen die Stadt und konnten ganz genau
erkennen, was auf dem gegen uns gekehrten Wall vorging: mancherlei
Volk, das sich hin und her bewegte und besonders an einem Fleck sehr
tätig zu sein schien.
Um Mitternacht fing das Bombardement an, sowohl von der Batterie auf
unserm rechten Ufer als von einer andern auf dem linken, welche,
näher gelegen und mit Brandraketen spielend, die stärkste Wirkung
hervorbrachte. Diese geschwänzten Feuermeteore musste man denn ganz
gelassen durch die Luft fahren und bald darauf ein Stadtquartier in
Flammen sehen. Unsere Ferngläser, dorthin gerichtet, gestatteten
uns, auch dieses Unheil im einzelnen zu betrachten; wir konnten
die Menschen erkennen, die sich oben auf den Mauern dem Brand
Einhalt zu tun eifrig bemühten, wir konnten die frei stehenden,
zusammenstürzenden Gesparre bemerken und unterscheiden. Dieses alles
geschah in Gesellschaft von Bekannten und Unbekannten, wobei es
unsägliche, oft widersprechende Bemerkungen gab und gar verschiedene
Gesinnungen geäußert wurden. Ich war in eine Batterie getreten, die
eben gewaltsam arbeitete, allein der fürchterlich dröhnende Klang
abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen Ohr unerträglich: ich
musste mich bald entfernen. Da traf ich auf den Fürsten Reuß den XI.,
der mir immer ein freundlicher, gnädiger Herr gewesen. Wir gingen
hinter Weinbergsmauern hin und her, durch sie geschützt vor den
Kugeln, welche heraus zu senden die Belagerten nicht faul waren.
Nach mancherlei politischen Gesprächen, die uns denn freilich nur in
ein Labyrinth von Hoffnungen und Sorgen verwickelten, fragte mich
der Fürst, womit ich mich gegenwärtig beschäftige, und war sehr
verwundert, als ich, anstatt von Tragödien und Romanen zu vermelden,
aufgeregt durch die heutige Refraktionserscheinung, von der
Farbenlehre mit großer Lebhaftigkeit zu sprechen begann. Denn es
ging mir mit diesen Entwickelungen natürlicher Phänomene wie mit
Gedichten: ich machte sie nicht, sondern sie machten mich. Das einmal
erregte Interesse behauptete sein Recht, die Produktion ging ihren
Gang, ohne sich durch Kanonenkugeln und Feuerballen im mindesten
stören zu lassen. Der Fürst verlangte, dass ich ihm fasslich machen
sollte, wie ich in dieses Feld geraten? Hier gereichte mir nun der
heutige Fall zu besonderem Nutzen und Frommen.
Bei einem solchen Mann bedurft' es nicht vieler Worte, um ihn zu
überzeugen, dass ein Naturfreund, der sein Leben gewöhnlich im
Freien, es sei nun im Garten, auf der Jagd, reisend oder durch
Feldzüge durchführt, Gelegenheit und Muße genug finde, die Natur im
großen zu betrachten und sich mit den Phänomenen aller Art bekannt zu
machen. Nun bieten aber atmosphärische Luft, Dünste, Regen, Wasser
und Erde uns immerfort abwechselnde Farberscheinungen, und zwar unter
so verschiedenen Bedingungen und Umständen, dass man wünschen müsse,
solche bestimmter kennen zu lernen, sie zu sondern, unter gewisse
Rubriken zu bringen, ihre nähere und fernere Verwandtschaft
auszuforschen. Hierdurch gewinne man nun in jedem Fach neue
Ansichten, unterschieden von der Lehre der Schule und von gedruckten
Überlieferungen. Unsere Altväter hätten, begabt mit großer
Sinnlichkeit, vortrefflich gesehen, jedoch ihre Beobachtungen nicht
fort- und durchgesetzt; am wenigsten sei ihnen gelungen, die
Phänomene wohl zu ordnen und unter die rechten Rubriken zu bringen.
Dergleichen war abgehandelt, als wir den feuchten Rasen hin und her
gingen; ich setze, aufgeregt durch Fragen und Einreden, meine Lehre
fort, als die Kälte des einbrechenden Morgens uns an ein Biwak der
Österreicher trieb, welches, die ganze Nacht unterhalten, einen
ungeheueren wohltätigen Kohlenkreis darbot. Eingenommen von meiner
Sache, mit der ich mich erst seit zwei Jahren beschäftigte und die
also noch in einer frischen, unreifen Gärung begriffen war, hätte ich
kaum wissen können, ob der Fürst mir auch zugehört, wenn er nicht
einsichtige Worte dazwischen gesprochen und zum Schluss meinen
Vortrag wieder aufgenommen und beifällige Aufmunterung gegönnt hätte.
Wie ich denn immer bemerkt habe, dass mit Geschäfts- und Weltleuten,
die sich gar vielerlei aus dem Stegreif müssen vortragen lassen und
deshalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden,
viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil
sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres
Interesse als eigene Aufklärungen; da Gelehrte hingegen gewöhnlich
nichts hören, als was sie gelernt und gelehrt haben und worüber
sie mit ihresgleichen übereingekommen sind. In die Stelle des
Gegenstandes setzt sich ein Wort-Kredo, bei welchem denn so gut zu
verharren ist als bei irgendeinem andern.
Der Morgen war frisch, aber trocken; wir gingen, teils gebraten,
teils erstarrt, wieder auf und ab und shaen an den Weinbergsmauern
sich auf einmal etwas regen. Es war ein Pikett Jäger, das die Nacht
da zugebracht hatte, nun aber Büchse und Tornister wieder aufnahm,
hinab in die niedergebrannten Vorstädte zog, um von da aus die Wälle
zu beunruhigen. Einem wahrscheinlichen Tod entgegengehend, sangen
sie sehr libertine Lieder, in dieser Lage vielleicht verzeihbar.
Kaum verließen sie die Stätte, als ich auf der Mauer, an der sie
geruht, ein sehr auffallendes geologisches Phänomen zu bemerken
glaubte: ich sah auf dem von Kalkstein errichteten weißen Mäuerchen
ein Gesims von hellgrünen Steinen völlig von der Farbe des Jaspis
und war höchlich betroffen, wie mitten in diesen Kalkflözen eine so
merkwürdige Steinart in solcher Menge sich sollte gefunden haben.
Auf die eigenste Weise ward ich jedoch entzaubert, als ich, auf
das Gespenst losgehend, sogleich bemerkte, dass es das Innere von
verschimmeltem Brot sei, das, den Jägern ungenießbar, mit gutem Humor
ausgeschnitten und zu Verzierung der Mauer ausgebreitet worden.
Hier gab es nun sogleich Gelegenheit, von der, seitdem wir in
Feindesland eingetreten, immer wieder zur Sprache kommenden
Vergiftung zu reden; welche freilich ein kriegendes Heer mit
panischem Schrecken erfüllt, indem nicht allein jede vom Wirt
angebotene Speise, sondern auch das selbstgebackene Brot verdächtig
wird, dessen innerer, schnell sich entwickelnder Schimmel ganz
natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist.
Es war den 1. September früh um acht Uhr, als das Bombardement
aufhörte, ob man gleich noch immerfort Kugeln hinüber und
herüber wechselte. Besonders hatten die belagerten einen
Vierundzwanzig-Pfünder gegen uns gekehrt, dessen sparsame Schüsse
sie mehr zum Scherz als Ernst verwendeten.
Auf der freien Höhe zur Seite der Weinberge, grad' im Angesicht
dieses gröbsten Geschützes, waren zwei Husaren zu Pferd aufgestellt,
um Stadt und Zwischenraum aufmerksam zu beobachten. Diese blieben die
Zeit ihrer Postierung über unangefochten. Weil aber bei der Ablösung
sich nicht allein die Zahl der Mannschaft vermehrte, sondern auch
manche Zuschauer grad' in diesem Augenblick herbeiliefen und ein
tüchtiger Klump Menschen zusammenkam, so hielten jene ihre Ladung
bereit. Ich stand in diesem Augenblick mit dem Rücken dem ungefähr
hundert Schritt entfernten Husaren- und Volkstrupp zugekehrt, mich
mit einem Freund besprechend, als auf einmal der grimmige,
pfeifend-schmetternde Ton hinter mir hersauste, so dass ich mich auf
dem Absatz herumdrehte, ohne sagen zu können, ob der Ton, die bewegte
Luft, eine innere psychische, sittliche Anregung dieses Umkehren
hervorgebracht. Ich sah die Kugel, weit hinter der auseinander
gestobenen Menge, noch durch einige Zäune rikoschettieren. Mit großem
Geschrei lief man ihr nach, als sie aufgehört hatte, furchtbar zu
sein; niemand war getroffen, und die Glücklichen, die sich dieser
runden Eisenmasse bemächtigt, trugen sie im Triumph umher.
Gegen Mittag wurde die Stadt zum zweiten Mal aufgefordert und erbat
sich vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Diese nutzten auch wir, uns
etwas bequemer einzurichten, um zu proviantieren, die Gegend umher
zu bereiten, wobei ich denn nicht unterließ, mehrmals zu der
unterrichtenden Quelle zurückzukehren, wo ich meine Beobachtungen
ruhiger und besonnener anstellen konnte; denn das Wasser war rein
ausgefischt und hatte sich vollkommen klar und ruhig gesetzt, um das
Spiel der niedersinkenden Flämmchen nach Lust zu wiederholen, und ich
befand mich in der angenehmsten Gemütsstimmung. Einige Unglücksfälle
versetzten uns wieder bald in Kriegszustand.
Ein Offizier von der Artillerie suchte sein Pferd zu tränken, der
Wassermangel in der Gegend war allgemein; meine Quelle, an der er
vorbei ritt, lag nicht flach genug, er begab sich nach der nahe
fließenden Maas, wo er an einem abhängigen Ufer versank: das Pferd
hatte sich gerettet, ihn trug man tot vorbei.
Kurz darauf sah und hörte man eine starke Explosion im
österreichischen Lager, an dem Hügel, zu dem wir hinaufsehen konnten;
Knall und Dampf wiederholte sich einige Mal. Bei einer Bombenfüllung
war durch Unvorsichtigkeit Feuer entstanden, das höchste Gefahr
drohte; es teilte sich schon gefüllten Bomben mit, und man hatte zu
fürchten, der ganze Vorrat möcht ein die Luft gehen. Bald aber war
die Sorge gestillt durch rühmliche Tat kaiserlicher Soldaten, welche,
die bedrohende Gefahr verachtend, Pulver und gefüllte Bomben aus dem
Zeltraum eilig hinaustrugen.
So ging auch dieser Tag hin. Am andern Morgen ergab sich die Stadt
und ward in Besitz genommen; sogleich aber sollte uns ein
republikanischer Charakterzug begegnen. Der Kommandant Beaurepaire,
bedrängt von der bedrängten Bürgerschaft, die bei fortdauerndem
Bombardement ihre ganze Stadt verbrannt und zerstört sah, konnte die
Übergabe nicht länger verweigern; als er aber auf dem Rathaus in
voller Sitzung seine Zustimmung gegeben hatte, zog er ein Pistole
hervor und erschoss sich, um abermals ein Beispiel höchster
patriotischer Aufopferung darzustellen.
Nach dieser so schnellen Eroberung von Verdun zweifelte niemand mehr,
dass wir bald darüber hinausgelangen und in Chalons und Epernay uns
von den bisherigen Leiden an gutem Weine bestens erholen sollten. Ich
ließ daher ungesäumt die Jägerischen Karten, welche den Weg nach
Paris bezeichneten, zerschneiden und sorgfältig aufziehen, auch auf
die Rückseite weißes Papier kleben, wie ich es schon bei der ersten
getan, um kurze Tagesbemerkungen flüchtig aufzuzeichnen.


Den 3. September.
Früh hatte sich eine Gesellschaft zusammengefunden, nach der Stadt zu
reiten, an die ich mich anschloss. Wir fanden gleich beim Eintritt
große frühere Anstalten, die auf einen längeren Widerstand
hindeuteten: das Straßenpflaster war in der Mitte durchaus aufgehoben
und gegen die Häuser angehäuft; das feuchte Wetter machte deshalb
das Umherwandeln nicht erfreulich. Wir besuchten aber sogleich die
namentlich gerühmten Läden, wo der beste Likör aller Art zu haben
war. Wir probierten ihn durch und versorgten uns mit mancherlei
Sorten. Unter andern war einer namens Baume humain, welcher, weniger
süß, aber stärker, ganz besonders erquickte. Auch die Drageen,
überzuckerte kleine Gewürzkörner in saubern, zylindrischen Deuten,
wurden nicht abgewiesen. Bei so vielem Guten gedachte man nun der
lieben Zurückgelassenen, denen dergleichen am friedlichen Ufer der
Ilm gar wohl behagen möchte. Kistchen wurden gepackt; gefällige,
wohlwollende Kuriere, das bisherige Kriegsglück in Deutschland zu
melden beauftragt, waren geneigt, sich mit einigem Gepäck dieser Art
zu belasten, wodurch sich denn die Freundinnen zu Hause in höchster
Beruhigung überzeugen mochten, dass wir in einem Land wallfahrteten,
wo Geist und Süßigkeit niemals ausgehen dürfen.
Als wir nun darauf die teilweise verletzte und verwüstete Stadt
beschauten, waren wir veranlasst, die Bemerkung zu wiederholen: dass
bei solchem Unglück, welches der Mensch dem Menschen bereitet, wie
bei dem, was die Natur uns zuschickt, einzelne Fälle vorkommen, die
auf eine Schickung, eine günstige Vorsehung hinzudeuten scheinen. Der
untere Stock eines Eckhauses auf dem Markt ließ einen von vielen
Fenstern wohl erleuchteten Fayence-Laden sehen; man machte uns
aufmerksam, dass eine Bombe, von dem Platz aufschlagend, an den
schwachen steinernen Türpfosten des Ladens gefahren, von demselben
aber wieder abgewiesen, andere Richtung genommen habe. Der Türpfosten
war wirklich beschädigt, aber er hatte die Pflicht eines guten
Vorfechters getan: die Glanzfülle des oberflächlichen Porzellans
stand in widerspiegelnder Herrlichkeit hinter den wasserhellen, wohl
geputzten Fenstern.
Mittags am Wirtstisch wurden wir mit guten Schöpsenkeulen und Wein
von Bar traktiert, den man, weil er nicht verfahren werden kann, im
Land selbst aufsuchen und genießen muss. Nun ist aber an solchen
Tischen Sitte, dass man wohl Löffel, jedoch weder Messer noch Gabel
erhält, die man daher mitbringen muss. Von dieser Landesart
unterrichtet, hatten wir schon solche Bestecke angeschafft, die man
dort flach und zierlich gearbeitet zu kaufen findet. Muntere,
resolute Mädchen warteten auf, nach derselben Art und Weise, wie sie
vor einigen Tagen ihrer Garnison noch aufgewartet hatten.
Bei der Besitznehmung von Verdun ereignete sich jedoch ein Fall, der,
obgleich nur einzeln, großes Aufsehen erregte und allgemeine
Teilnahme heran rief. Die Preußen zogen ein, und es fiel aus der
französischen Volksmasse ein Flintenschuss, der niemand verletzte,
dessen Wagestück aber ein französischer Grenadier nicht verleugnen
konnte und wollte. Auf der Hauptwache, wohin er gebracht wurde, hab'
ich ihn selbst gesehen: es war ein sehr schöner, wohl gebildeter,
junger Mann, festen Blicks und ruhigen Betragens. Bis sein Schicksal
entschieden wäre, hielt man ihn lässlich. Zunächst an der Wache war
eine Brücke, unter der ein Arm der Maas durchzog; er setzte sich aufs
Mäuerchen, blieb eine Zeitlang ruhig, dann überschlug er sich
rückwärts in die Tiefe und ward nur tot aus dem Wasser herausgebracht.
Diese zweite heroische, ahnungsvolle Tat erregte leidenschaftlichen
Hass bei den frisch Eingewanderten, und ich hörte sonst verständige
Personen behaupten, man möchte weder diesem noch dem Kommandanten
ein ehrlich Begräbnis gestatten. Freilich hatte man sich andere
Gesinnungen versprochen, und noch sah man nicht die geringste
Bewegung unter den fränkischen Truppen, zu uns überzugehen.
Größere Heiterkeit verbreitete jedoch die Erzählung, wie der König in
Verdun aufgenommen worden: vierzehn der schönsten, wohl erzogensten
Frauenzimmer hatten Ihro Majestät mit angenehmen Reden, Blumen und
Früchten bewillkommnt. Seine Vertrautesten jedoch rieten ihm ab, vom
Genuss Vergiftung befürchtend; aber der großmütige Monarch verfehlte
nicht, diese wünschenswerten Gaben mit galanter Wendung anzunehmen
und sie zutraulich zu kosten. Diese reizenden Kinder schienen auch
unseren jungen Offizieren einiges Vertrauen eingeflößt zu haben;
gewiss, diejenigen, die das Glück gehabt, dem Ball beizuwohnen,
konnten nicht genug von Liebenswürdigkeit, Anmut und gutem Betragen
sprechen und rühmen.
Aber auch für solidere Genüsse war gesorgt: denn, wie man gehofft und
vermutet hatte, fanden sich die besten und reichlichsten Vorräte in
der Festung, und man eilte, vielleicht nur zu sehr, sich daran zu
erholen. Ich konnte gar wohl bemerken, dass man mit geräuchertem
Speck und Fleisch, mit Reis und Linsen und andern guten und
notwendigen Dingen nicht haushältisch genug verfahre, welches in
unserer Lage bedenklich schien. Lustig dagegen war die Art, wie ein
Zeughaus, oder Waffensammlung aller Art, ganz gelassen geplündert
ward. In ein Kloster hatte man allerlei Gewehre, mehr alte als neue,
und mancherlei seltsame Dinge gebracht, womit der Mensch, der sich zu
wehren Lust hat, den Gegner abhält oder wohl gar erlegt.
Mit jener sanften Plünderung aber verhielt es sich folgendermaßen:
als nach eingenommener Stadt die hohen Militärpersonen sich von
den Vorräten aller Art zu überzeugen gedachten, begaben sie sich
ebenfalls in diese Waffensammlung, und indem sie solche für das
allgemeine Kriegsbedürfnis in Anspruch nahmen, fanden sie manches
Besondere, welches dem einzelnen zu besitzen nicht unangenehm wäre,
und niemand war leicht mit Musterung dieser Waffen beschäftigt, der
nicht auch für sich etwas herausgemustert hätte. Dies ging nun durch
alle Grade durch, bis dieser Schatz zuletzt beinahe ganz ins Freie
fiel. Nun gab jedermann der angestellten Wache ein kleines Trinkgeld,
um sich diese Sammlung zu besehen, und nahm dabei etwas mit heraus,
was ihm anstehen mochte. Mein Diener erbeutete auf diese Weise einen
flachen, hohen Stock, der, mit Bindfaden stark und geschickt
umwunden, dem ersten Anblick nach nichts weiter erwarten ließ, seine
Schwere aber deutete auf einen gefährlichen Inhalt: auch enthielt
er eine sehr breite, wohl vier Fuß lange Degenklinge, womit eine
kräftige Faust Wunder getan hätte.
So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben,
zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es
wohl sein, was den Krieg für das Gemüt eigentlich verderblich
macht. Man spielt den Kühnen, Zerstörenden, dann wieder den
Sanften, Belebenden; man gewöhnt sich an Phrasen, mitten in dem
verzweifeltsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch
entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter
hat und sich von der pfäffischen, höfischen, oder wie sie sonst
heißen mögen, ganz eigen unterscheidet.
Einer merkwürdigen Person aber muss ich noch gedenken, die ich, zwar
nur in der Entfernung, hinter Gefängnisgittern, gesehen: es war der
Postmeister von Sainte Menehould, der sich ungeschickterweise von den
Preußen hatte fangen lassen. Er scheute keineswegs die Blicke der
Neugierigen und schien bei seinem ungewissen Schicksal ganz ruhig.
Die Emigrierten behaupteten, er habe tausend Tode verdient, und
hetzten deshalb an den obersten Behörden, denen aber zum Ruhm zu
rechnen ist, dass sie in diesem, wie in andern Fällens ich mit
geziemender Ruhe und anständigem Gleichmut betragen.


Am 4. September.
Die viele Gesellschaft, die ab- und zuging, belebte unsere Zelte den
ganzen Tag; man hörte vieles erzählen, vieles bereden und beurteilen,
die Lage der Dinge tat sich deutlicher auf als bisher. Alle waren
einig, dass man so schnell als möglich nach Paris vordringen müsse.
Die Festungen Montmedy und Sedan hatte man unerobert sich zur Seite
gelassen und schien von der in dortiger Gegend stehenden Armee wenig
zu befürchten.
Lafayette, auf welchem das Vertrauen des Kriegsvolks beruhte, war
genötigt gewesen, aus der Sache zu scheiden; er sah sich gedrängt,
zum Feind überzugehen, und ward als Feind behandelt. Dumouriez, wenn
er auch sonst als Minister Einsicht in Militärangelegenheiten
beweisen hatte, war durch keinen Feldzug berühmt, und aus der Kanzlei
zum Oberbefehl der Armee befördert, schien er auch nur jene
Inkonsequenz und Verlegenheit des Augenblicks zu beweisen. Von der
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